26.10.2015
Meldung

Studie zur Umwegrentabilität des Leipziger Gewandhauses

Die HHL Leipzig School of Management hat eine Studie zu Umwegrentabilität und wirtschaftlichem Mehrwert des Gewandhauses für die Stadt Leipzig vorgestellt. Das Ergebnis ist überaus positiv, zeigt die Studie doch, das jeder in das Konzertgebäude investierte Euro der Stadt quantitativ messbar 2,50 einbringt.
Mit dieser Untersuchung der ökonomischen Auswirkungen, die aus dem Betrieb des Gewandhauses in Leipzig entstehen, wurde erstmals für ein einzelnes Konzerthaus in Deutschland eine detaillierte und wissenschaftlich fundierte Studie vorgelegt. Der errechnete Multiplikator von 2,5 zeigt, wieviel zusätzliche regionale direkte und indirekte ökonomische Wertschöpfung für jeden Euro Zuschuss an die kulturelle Einrichtung generiert wurde. Damit ist die Wertschöpfung, die durch das Gewandhaus in der Region ausgelöst wird, weit größer als der ursprüngliche Einsatz an staatlichen Mitteln.

Umwegrentabilität und quantitative Effekte

Die Untersuchung bediente sich zur Analyse der wirtschaftlichen Effekte der Umwegrentabilität. Es handelt sich hierbei um eine sogenannte Inzidenzanalyse, die die direkten Spillovereffekte von staatlichen Ausgaben in einem bestimmten Raum misst, wie die Ausgaben des Gewandhauses selbst, der lokalen Ausgaben der Gewandhausmitarbeiter und der auswärtigen Besuchern sowiedurch zusätzliche Ausgaben von Sponsoren und in Leipzig ansässigen Besuchernanlässlich einer Veranstaltung im Gewandhaus. Insgesamt haben die 340.000 Besucher von 612 Veranstaltungen in der Spielzeit 2011/12 zusätzlich zum Gewandhausbesuch 18.990.020 Euro in Leipzig ausgegeben, etwa durch Gastronomie, Hotellerie oder Transport. Die Ausgaben für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe sowie andere bezogene Leistungen des Gewandhauses selbst beliefen sich auf 3.571.440 Euro.

Der wirtschaftliche Effekt zeigt sich natürlich auch in qualitativen Bereichen wie dem besseren Image eines Standortes oder der Attraktivität für Touristen, Unternehmen und Einwohner. Sie lassen sich allerdings nur schwer in monetären Einheiten messen. Darüber hinaus gab es in den letzten Jahren vermehrt Studien etwa für die Luzerner oder die Salzburger Festspiele, das Musikfestival Schleswig Holstein, die Semperoper oder die kulturellen Eigenbetriebe der Stadt Leipzig , die mangels einer einheitlichen Methodik jedoch große Unterschiede bezüglich der erhobenen Daten und berücksichtigten Effekte aufweisen. Einen Maßstabs-Multiplikator für Kultureinrichtungen gibt es deshalb nicht, betont Wilhelm Althammer, der die Studie leitende Professor für Makroökonomie an der HHL.

Die Analyse zum Gewandhaus untersucht nur quantitative Effekte. Sie unterscheidet dabei zwischen direkten und indirekten sowie fiskalischen Effekten von dessen Veranstaltungstätigkeit. Die direkten Effekte basieren auf einer Befragung von auswärtigen und ortsansässigen Besuchern sowie einer detaillierten Auswertung des internen Rechnungswesens des Gewandhauses. Sie rufen wiederum indirekte Effekte hervor, haben also eine Multiplikatorwirkung, die empirischen berechnet wird. Fiskalische Effekte schließlich beschreiben den Rückfluss an Steuereinnahmen, der durch die direkten und indirekten Effekte entsteht.Auf diese Weise lässt sich eine möglichst konservative und verlässliche Abschätzung der wirtschaftlichen Effekte geben.

Dabei stehen zwei Prinzipien im Vordergrund, nämlich Lokalität, also die Auswirkungen ausschließlich auf die Stadt Leipzig, und Zusätzlichkeit, dh. die ökonomischen Auswirkungen, die allein durch die Existenz des Gewandhauses und dessen Veranstaltungen hervorgerufen werden. Würden sich letztere auch ergeben, wenn Leipzig kein Gewandhausorchester hätte, dürften sie nicht berücksichtigt werden. Dies ist manchmal schwierig zu bestimmen. Deshalb ist es notwendig, transparente Annahmen bezüglich der Motive auswärtiger Besucher und des Anteils des Gewandhauses an den Ausgaben unterschiedlicher Besuchergruppen sowie seiner Mitarbeiter zu treffen. Aus diesem Grund wurde mit sehr konservativen Schätzungen des lokalen Ausgabenanteils gearbeitet, die sich am unteren Rand des möglichen Spektrums befinden.

Kulturförderung und der Wert von Kultur

Die Förderung von Kultur in Deutschland als Investition in Bildung, Kreativität und die Auseinandersetzung mit divergierenden Blickwinkeln wird kaum grundsätzlich kritisiert. Trotzdem sinken die Kulturausgaben bei knapper werdenden öffentlichen Haushaltsmitteln oft als erstes zum einen, da sie kaum oder nur unspezifisch gesetzlich verankert sind, zum anderen, weil der Mehrwert von Kulturprojekten und einrichtungen oft nur schwer greif- und messbar ist. Die wirtschaftlichen Effekte von Kulturausgaben sind also Nebeneffekte, die einen vernachlässigten Aspekt von Kulturausgaben betonen. Dennoch kann dieser Wert eines Hauses ein Argument sein, das greifbarer ist als das visionäre Bild von Kultur als Bereicherung der Gesellschaft.

"Kultur definiert sich nicht allein über einen Return of Invest (...). Aber die Wertschöpfung, die durch die Tätigkeit von kulturellen Institutionen in einer Region entsteht, muss man auch nicht verstecken. Kultur trägt maßgeblich zu einer hohen Lebens- und Freizeitqualität bei und lockt damit Investoren, Neubürger und Touristen in die Stadt. Dieses Ergebnis ist ein wichtiges unterstützendes Argument bei Diskussionen um Kulturförderung. Es zeigt, dass das Gewandhaus nicht nur kostet, sondern auch ein erheblicher Wirtschaftsfaktor ist", so Gewandhausdirektor Prof. Andreas Schulz.

Trotzdem muss eine kulturelle Einrichtung nicht einen Multiplikator größer1 generieren, um eine Existenzberechtigung zu haben, betont Althammer, noch sollten staatliche Subventionen nach dem Prinzip der größten Multiplikatorwirkung verteilt werden.