26.01.2018

Autor*in

Steffen Höhne
Steffen Höhne ist Professor am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena und lehrt Kulturwissenschaft und Kulturmanagement. Er studierte Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in Deutschland und international tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind Theoriebildung im Kulturmanagement, Musikwirtschaft, Kulturpolitik in international vergleichender Perspektive, Markenbildungsstrategien in der Hochkultur sowie Kulturpublikumsforschung.
Tagungsbericht: Mythos Publikum

Zur Rekonstruktion eines unbekannten Akteurs

Kulturvermittlung, kulturelle Bildung und Audience Development sind in den letzten Jahren zu kulturpolitischen Leitbegriffen avanciert. Dabei werden seit Langem vorherrschende Annahmen darüber, welche Voraussetzungen das Publikum für den Besuch von Kulturinstitutionen mitbringen müsse, kaum hinterfragt. Die stereotypen Vorstellungen von Kulturpublikum bzw. jenen, denen Kultur zu vermitteln sei, haben sich so zunehmend verfestigt. Dies Entwicklung kritisch zu überprüfen, war Ziel der Tagung Mythos Publikum.
Die Arbeitstagung wurde von der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar, der Zeppelin Universität, Friedrichshafen und dem Radialsystem V. in Berlin durchgeführt und vom DAAD sowie dem WÜRTH Chair of Cultural Production gefördert. Dabei war es das zentrale Anliegen, aktuelle Entwicklungen zu analysieren sowie gängige Konstruktionen von Publikum und den Stand der (Nicht-)Besucherforschung kritisch zu überprüfen. Dabei ging es sowohl um eine historische Rekonstruktion des Publikumsbegriffes als auch um die aktuellen Karrieren von populären Leitkonzepten wie Audience Development und Kulturvermittlung, um mit neuen Perspektiven auf Kulturbesucher das Aktionspotential von Kulturorganisationen, aber auch das zugehörige Forschungsfeld neu auszuloten.
 
Besucherverhalten im Wandel der Zeit
 
Nach der Eröffnung durch Steffen Höhne von der Hochschule für Musik in Weimar und Folkert Uhde vom Radialsystem Berlin wandten sich die Referenten in vier Sektionen dem Thema zu. Zunächst ging es um die historische Verortung des Publikums als sozialem Konstrukt und sozialer Formation. Steffen Höhne rekonstruierte die Erfindung des Kulturpublikums durch die Theaterreformer des 18. Jahrhunderts und dessen Disziplinierung im Kontext der Ausdifferenzierung des Kultursystems in hoch- und populärkulturelle Formen. Diese führte zur Nobilitierung des Theaters und einer Konditionierung der Verhaltensweisen aufseiten des Publikums.
 
Dem Phänomen der Interaktion zwischen Bühne und Publikum widmete sich auch Jürgen Joachimsthaler von der Philipps-Universität Marburg, der auf Basis literarischer Quellen wechselseitige Beschimpfungen von Publikum und Bühne betrachtete. Ausgehend von Methoden der Publikumsforschung bzw. der Filmgeschichtsschreibung wandte sich Eugen Kotte von der Universität Vechta dem Tonfilm als kulturhistorischer Zäsur zu, der zur Entstehung eines Massen- und Basismediums maßgeblich beitrug und in Abgrenzung zum Stummfilm zu veränderten Publikumsansprachen im Medium führte.
 
Besucherverhalten erforschen
 
Die zweite Sektion befasste sich mit Fragen der Methodik der Publikumsforschung. Sigrid Bekmeier-Feuerhahn von der Leuphana Universität Lüneburg unterzog in ihrer Methodenkritik die Anforderungen an empirische Besucher-Studien einer kritischen Überprüfung. Dabei zeigte sich, dass von den unterschiedlichen Vorgehensweisen vor allem qualitative Erhebungsverfahren oft unterschätzt werden.
 
Karl-Heinz Reuband von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf untersuchte bisherige Besucherbefragungen im Kulturbereich. Er konstatierte dabei ein generelles Defizit an Befragungen insbesondere in den Bereichen Oper, klassisches Konzert und Theater und damit einhergehend ein beschränktes Maß an Interesse und Kooperationsbereitschaft auf Seiten der Kultureinrichtungen. Reuband kritisierte in diesem Zusammenhang eine zu geringe individuelle und kollektive Rationalität, hervorgerufen durch Ängste vor Imageverlust. Zu berücksichtigen seien ferner das unterschiedliche Kooperationsverhalten der Besucher, die Auswirkungen unterschiedlicher Modalitäten der Kontaktaufnahme sowie die Rückgabequote. Insgesamt konnte Reuband aber eine hohe Kooperationsbereitschaft der Besucher konstatieren: Die Verweigerungsquote lag im Durchschnitt bei nur 14 %, die Rückgabequote bei 53 %. Abschließend plädierte er für notwendige Analysen des Wandels des Publikum und dessen Einstellungen unter Einbeziehung kultur- und sozialwissenschaftlicher Fragestellungen. Man dürfe Erhebungen zum Besucherverhalten nicht allein den sporadischen Interessen der Kultureinrichtungen überlassen. Ferner forderte er eine Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen Erhebungen sowie eine Ergänzung durch weitergehende Bevölkerungsumfragen.
 
Der Mythos Kulturvermittlung
 
Christopher Balme von der Ludwig-Maximilians-Universität München befasste sich am zweiten Konferenztag mit dem Verhältnis von Öffentlichkeit und Publikum unter dem Paradigma der Diversität. Anhand einschlägiger Beispiele aus der Theaterpraxis vor, etwa der Münchner Kammerspiele, zeigte er auf, dass eine Diversifizierung der Programme zwar neue Publikumsschichten ansprechen, aber auch die bisherigen abschrecken kann.
 
Claudia Steigerwald von der Zeppelin Universität Friedrichshafen warf einen kritischen Blick auf Konzepte wie Audience Development und Kulturvermittlung und deckte dabei deren ideologische Grundlagen auf. Aktuelle Schlagworte wie Audience Development, Outreach oder Kulturvermittlung folgen demnach der Logik unterschiedlicher bildungs-, kultur-, sozial-, individueller-, arbeitsmarkt- und emanzipationspolitischer Codes, ohne dass klar sei, was unter kultureller Bildung verstanden werde. Zentrale Argumente in diesem legitimatorischen Diskurs sind:
 
  • kulturelle Bildung fungiert als Allgemeinbildung und fördert eine ganzheitliche Bildung von Schülern;
  • sie sorgt für Nachwuchs in den Kultureinrichtungen und sichert somit die kulturelle Infrastruktur;
  • sie garantiert Teilhabegerechtigkeit und fördert die soziale Kohäsion in der Gesellschaft;
  • sie bildet die Persönlichkeit und trägt zur Entwicklung von Fähigkeiten des Individuums bei;
  • sie bildet Kompetenzen aus, die für das Bestehen auf dem Arbeitsmarkt unerlässlich sind
  • und sie fördert die politische Teilhabe der Bürger.
Jutta Toelle vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt a.M. setzte sich mit dem Modell des aktivierten Publikums auseinander und stellte Beispiele zur Publikumsbeteiligung in Theorie und Praxis vor. Ausgehend von Forschungsfragen zum Gefühl, Publikum bzw. Teil eines Publikums zu sein und als Publikum ein Konzert zu erleben, wurden Berichte von Publikumsmitgliedern über ein besonderes Erlebnis in der Gruppe, über ein interaktives musikalisches Erlebnis und über das Gefühl von infrage gestellten Hierarchien vorgestellt. Toelles Resümee: Publikumsforschung in partizipativen Konzerten ist Forschung am Extremfall, bietet aber erste Zugänge zu dessen direkten Erleben. Der sehr kleine Handlungsspielraum des Publikums wird dabei künstlich vergrößert, Machtstrukturen werden offen gelegt und infrage gestellt. Die Forschung profitiert von dieser Intimität, Offenheit der Situation und davon, dass das Publikum sich ernstgenommen fühlt. Man habe es mit einem selbstreflexiven und gesprächsbereiten Publikum zu tun!
 
Einen kritischen Blick auf den Ansatz von Pierre Bourdieu warf abschließend Martin Tröndle von der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Er war bestrebt, den Mythos Kunstwissen zu durchleuchten. Hierzu erfolgte als Teil des Forschungsprojektes emotion eine präzise Analyse von realem Besucherverhalten in einem Museum. Dazu wurden die Bewegungsmuster der Besucher durch eine Ausstellung sowie deren körperliche Reaktionen auf einzelne Bilder dokumentiert und mit anschließenden Befragungen verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Intensität der Betrachtung einzelner Werke nicht, wie bisher angenommen, vom Bildungsrad oder der Kunstaffinität der Besucher abhängt.
 
In der letzten Sektion wurden schließlich neue Forschungsansätze präsentiert. Jutta Toelle und Martin Tröndle berichteten von ihrem Empirical Concert Research, bei dem sie versuchen, das Publikum in die Aufführungen einzubeziehen. Thomas Renz von der Universität Hildesheim setzte sich mit bisherige Forschungsansätzen und neuen Forschungsdesigns innerhalb der Nicht-Besucher-Forschung auseinander, wobei auch hier der Blick auf politische und ökonomische Verwertungsinteressen gelenkt wurde. Manuel Dengler aus Berlin befasste sich schließlich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die (Nicht-)Kulturbesucher. Eine abschließende Round Table-Diskussionen setzte sich mit Forschungsthemen und Praxisfeldern zu einer zeitgemäßen (Nicht-)Besucherforschung auseinander.
 
Als Fazit der Tagung kann festgehalten werden, dass für die Publikumsforschung neben den quantitativen auch qualitative (soziologische und psychologische) Ansätze eine zunehmend wichtigere Rolle spielen werden, wobei auch die historische Perspektive wichtige Erkenntnisse liefern kann. Gerade der unmittelbaren Anwendung verpflichtete Ansätze wie Audience Development müssen darüber hinaus die zugrundeliegenden, häufige verdeckten normativen Grundlagen stärker reflektieren, um erfolgreich sein zu können.
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