29.01.2012

Autor*in

Dirk Heinze
Best Practice

Der lokale Weltuntergang

Die Antikenbegeisterung ihrer Fürsten beschert Sachsen-Anhalt schon seit langer Zeit ein Alleinstellungsmerkmal in der Auseinandersetzung mit der römischen Geschichte. Nun lockt das Bundesland mit einer fulminanten Ausstellung zu den Hintergründen der Katastrophe am Vesuv.

Zu sehen ist sie im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, der erste Museumsbau seiner Art in Deutschland (1911-13), der selbst die antike römische Architektur bewusst aufgreift und nicht zufällig an die Porta Nigra in Trier erinnert. Im nicht minder attraktiven Inneren des Hauses können zahlreiche Exponate erstmals außerhalb Italiens bewundert werden, so Funde aus dem Haus des Kithara-Spielers, dem Isis-Tempel oder der Kaserne der Gladiatoren. Doch was macht eigentlich insgesamt die Faszination an Pompeji aus?

Eine Ursache ist sicherlich die weitgehende Konservierung der verschütteten Stadt, die nach ihrer Wiederentdeckung damit der Nachwelt einmalige Rückschlüsse über die sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebensbedingungen ermöglichte. Doch genügt dies als Erklärung allein sicher nicht. Hat die Faszination nicht auch damit zu tun, dass der Vulkan auch heute noch nichts von seiner Bedrohung verloren hat, und dennoch in der Region etwa 600.000 Menschen offenbar mit dem Risiko zu leben bereit sind? Gerade in diesen Tagen ist wie bestellt - mit dem Ätna ein prominenter Vulkan Süditaliens wieder aktiv. Die Prognose, dass auch der Vesuv erneut ausbrechen wird und zehn-, gar hunderttausende Opfer fordern könnte, ist jedenfalls realistisch. Nicht umsonst betreiben Forscher einen hohen seismographischen Aufwand und haben für das Gebiet rund um den Golf von Neapel Evakuierungspläne aufstellen lassen. Es war 79 n.Chr. immerhin eine sekundenschnelle Lawine aus Asche, Gas und pyroklastischen Material mit einer Temperatur von mehr als 500 Grad Celsius und einer Geschwindigkeit von 100 km/h, die innerhalb weniger Stunden das Leben vieler Menschen ausgelöscht hat. Ein Weltuntergang auf lokalem Terrain sozusagen.

Den Ausstellungsmachern gelingt eine eindrucksvolle Schau, die auf kulturelle Vermittlung ebenso setzt wie auf aktuelle Ergebnisse der Forschung. Das macht das Museum für Kulturbesucher ebenso interessant wie für Freunde der Naturwissenschaften. Die Ausstellung setzt auf eine gelungene Mischung aus epigraphischen Fundstücken und Artefakten sowie Schau- und Zeittafeln. Fotos und Filmaufnahmen der Zerstörungen auf Anak Krakatau (Indonesien, 2009) oder dem Eyjafjallajökull (Island, 2010) schlagen den Bogen zu anderen Vulkanausbrüchen.

Die Ausstellung erzählt vor allem aber Geschichten vom täglichen Leben, wie es sich in Häusern und Villen Pompejis in etwa abgespielt haben könnte. Mit dem Gegenüberstellen einer Beinschiene eines Gladiators und einem Schienbeinschoner eines Fußballspielers des SSV Neapel beweisen die Ausstellungsmacher sogar Humor. Auch die deutsche Ausgabe des National Geographic als Kooperationspartner der Ausstellung macht im Dezember mit einer spannenden Geschichte zu Pompeji auf. Was hat sich in der Casa del Menandro vor fast 2000 Jahren zugetragen? Wie haben die Menschen in diesem repräsentativen Stadthaus, das in Halle am Korkmodell studiert werden kann, gelebt? Und sind unter den 15 Verschütteten sogar die Diebe eines dort aufgefundenen, rätselhaften Silberschatzes?

Mit ihrer vielseitigen multimedialen und fundierten Antikenrezeption laufen deutsche Ausstellungen inzwischen den italienischen Museen den Rang ab. Vergleichen Sie selbst die Präsentationen in Halle oder Berlin mit denen in Pompeji oder Rom. Hinzu kommt die sträfliche Vernachlässigung bedeutender antiker Schauplätze zu Zeiten der Berlusconi-Regierung, bei der man nicht weiß, welche unwiederbringlichen Verluste hier hingenommen wurden. Eine solche Geschichtsvergessenheit hätte man gerade Italien nicht zugetraut. Umso mehr freut man sich über die lebendige Antikenrezeption in Wissenschaft und Kultur hierzulande, die ja immerhin - wie im Falle der Ausstellung in Halle vom Staatspräsidenten Monti und diversen italienischen Museen unterstützt wird. Da verwundert es lediglich, dass es dem internationalen Publikum so schwer gemacht wird, die Ausstellung zu genießen. Kein Audio-Guide nicht einmal in deutsch und Führungen auf Englisch nur unter Vorbestellung. Von den derzeit 1000 Tagesbesuchern kommen immerhin 1 % aus dem Ausland. Sie dürfen sich dennoch an den prächtigen Wandmalereien mit Hintergrundbeleuchtung, einmaligen Exponaten oder an dem witzigen Gladiatoren-Comic freuen. Und vielleicht zu Ostern erneut nach Sachsen-Anhalt reisen, wenn gewissermaßen der Open-Air-Teil der Ausstellung beginnt. Dann können im Dessau-Wörlitzer Gartenreich die ältesten und besterhaltensten Zeugnisse der Antikenrezeption bewundert werden, wie z.B. der künstliche Vulkan am Rande des Wörlitzer Parks. Dieser wird genau am 24. August ausbrechen und damit wohl der einzige Vulkan der Welt sein, dessen Ausbruch man vorhersagen und seine zerstörerische Kraft im Zaum halten kann.




***

Der Beitrag erschien erstmals im KM Magazin Nr. 63 am 10.1.2012, der sich im Schwerpunkt mit dem Thema Weltuntergang beschäftigte. Sie können die Januarausgabe kostenfrei in unserem Archiv herunterladen.
Kommentare (0)
Zu diesem Beitrag sind noch keine Kommentare vorhanden.