11.03.2019

Themenreihe Besucherforschung

Autor*in

Hendrik Müller
ist Direktor für Marketing und Communications des Bereichs Entertainment, Media & Creative Industries der Messe Frankfurt. Zuvor leitete er Marketing & Vertrieb der Klangkörper des Bayerischen Rundfunks. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, Klassische Gitarre und Musikpädagogik.
Buchrezension

Die Kunst, Kultur (nicht) nur zu messen: Evaluation im Theater- und Kulturbetrieb

Evaluation ist im Kulturmanagement ein noch junges Thema und wird häufig mit Skepsis betrachtet. Das Buch von Jenny Svensson präsentiert nun ein Funktionsmodell von Evaluationsmaßnahmen öffentlich finanzierter Kulturbetriebe, um diese Skepsis zu überwinden. Damit leistet es einen fruchtbaren Beitrag für den Weg zur weiteren Professionalisierung des Kulturbetriebs.
 
Zum Inhalt

Jenny Svensson widmet sich in ihrer Dissertation dem Thema Evaluation im Theater- und Kulturbetrieb. Die Studie, 2017 im Lit Verlag erschienen, will branchenspezifische Probleme von Evaluationsmaßnahmen identifizieren sowie Methoden und Prozesse aus der Praxis darlegen. Hierauf aufbauend zeigt die Autorin die Ziele und Funktionen von Evaluation für unterschiedliche Anspruchsgruppen auf. Schließlich seien mögliche Resultate sowie Faktoren für die nachhaltige Nutzung von Evaluationen von Interesse. Theoretische Grundlagen werden im ersten Drittel des Buches behandelt, zwei Drittel entfallen auf den empirischen Teil. Der Feldzugang erfolgte über fünf Theaterinstitutionen in der südschwedischen Provinz Skåne. Hier werden sowohl organisational implementierte Evaluationen etwa zu Produktions- und internen Kommunikationsprozessen als auch punktuelle Evaluationsprojekte kulturpolitischer Ziele beleuchtet. Ein Fazit aus beiden Perspektiven schließt das Werk ab.

Evaluation als Kulturmanagement-Werkzeug

Die Grenzen der traditionellen Trennung zwischen Kultur als Sinnproduktion und Wirtschaft als Warenproduktion verschwimmen zunehmend. Zugleich nimmt der Legitimationsdruck kultureller Institutionen zu: Sie sind abhängig von Förderung und befinden sich häufig im Wettbewerb mit vielen anderen Angeboten, die um Zeit und Aufmerksamkeit potenzieller Nutzender konkurrieren. In der Praxis ist jedoch insbesondere bei öffentlich finanzierten Kulturinstitutionen häufig ein angebotsorientierter Ansatz auszumachen, obwohl sich Legitimation wesentlich aus den Rückmeldungen externer und interner Anspruchsgruppen sowie deren Verarbeitung konstruiert. Für das Kulturmanagement ist Evaluation dabei ein noch junges Gebiet, das über Controlling deutlich hinausgeht. Ein Management nicht von sondern für Kultur kann und darf hierauf nicht verzichten. An dieser Stelle setzt die Studie an.

Explorative Annäherung an ein komplexes Thema

Jenny Svensson führt umfassend in das Thema ein. Beginnend mit philosophischen Grundlagen über historische und gesellschaftliche Einflüsse auf Evaluationsansätze bis hin zu konkreten Fragen der Evaluationspraxis (Was?, Wozu?, Anhand welcher Kriterien?, Von wem?, Wie?) wird den Leserinnen und Lesern ein vernetztes Bild des Forschungsgegenstandes vermittelt: Evaluation im Bereich von Kunst und Kultur sei mit Widersprüchen und Skepsis seitens der Adressaten verbunden. Den hieraus resultierenden Forschungsbedarf legt die Autorin sehr praxisnah dar. Anhand einer Literaturstudie wird aufgezeigt, dass kulturbetriebliches Handeln häufig von Irrationalitäten geprägt ist: Der Erhalt von Machtstrukturen spielt einerseits häufig eine wichtigere Rolle als die Erkenntnisse von Evaluationen oder anderweitiger Untersuchungen. Andererseits wissen Evaluation einfordernde Anspruchsgruppen (z.B. Geldgeber) zu wenig über die Komplexität kultureller Produktionsprozesse.

Die Spannungen zwischen künstlerischer Autonomie und gesellschaftlicher Relevanz kultureller Angebote stellt Svensson geschickt mit Hilfe des Werte- und Entwicklungsquadrats dar, einem Modell des Kommunikationswissenschaftlers und Psychologen Schulz von Thun. Zwar ist der Begriff der Relevanz in der Literatur mitunter überstrapaziert und zugleich wenig für die jeweilige Materie definiert. Trotzdem schafft es die Autorin, ihn mit kulturpolitischen und kulturbetrieblichen Missionen der untersuchten Akteure zu füllen, um darauf den empirischen Teil der Studie aufzubauen. Diese Missionen werden im Buch als Ziele bezeichnet, was in der Praxis zwar häufig synonym verwendet wird, aber streng genommen etwas ungenau ist.

Um sich dem noch wenig untersuchten Forschungsgegenstand zu nähern, wählt Svensson sinnigerweise einen explorativen Ansatz. Dies ist gut im Buch begründet, da Evaluation im Kulturbetrieb eine hohe Bandbreite an Praxen und Begriffsverständnissen aufweist und somit keine valide quantitative Messung von Evaluationsmaßnahmen möglich ist. Die Datenerhebung erfolgte face-to-face mittels semistrukturierter Experteninterviews (n = 18) sowie weiteren (n = 28) Interviews über E-Mail oder Skype. Als empirische Auswertungsmethode kam die Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring zum Einsatz. Dokumentationen erfolgter Evaluationsmaßnahmen wurden als weitere Datenquellen herangezogen.

Beispiele und Praxisbezug

Die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen sind durchweg mit exemplarischen Interviewpassagen gut belegt. Diese Ankerbeispiele schaffen Nähe und verhelfen zum anschaulichen Brückenschlag in die eigene Praxis der Leserinnen und Leser. Ein Beispiel: [] es muss nicht primär um mehr Geld gehen, sondern um Beweglichkeit und Flexibilität um die Möglichkeit etwas zu realisieren, so die künstlerische Leiterin der Opernwerkstatt Malmö (S. 419). Svensson beleuchtet konkrete Evaluationsprojekte zur künstlerischen Qualität, zu Vielfalt und Teilhabe sowie zu Kinder-, Jugend- und Publikumsorientierung. Dabei führt sie anschaulich die Problematik uneindeutiger Begriffs- und Untersuchungsdimensionen aus: Wie soll künstlerische Qualität bewertet werden? Was bedeutet kulturelle Vielfalt? Was heißt neues Publikum genau? An diesen Fragen zeigt sich, dass ein Teil der Probleme von Evaluation wie oben angeführt bereits in den vermeintlichen Zielen begründet liegt, die sie evaluieren sollen. Dieser Zusammenhang sowie die problembehaftete, weil positive Besetzung allzu universaler Begriffe (Wer ist nicht für Qualität, Vielfalt und neues Publikum?!) sind kurz, aber ausreichend dargelegt.

Eine weitere Stärke der Studie ist die praxisnahe, umfangreiche Darstellung der sehr heterogenen Datenerhebungsansätze. Praktiker erhalten somit einen guten Überblick über die Stärken und Schwächen einer Vielzahl unterschiedlicher Methoden und können zu eigenen Erhebungsdesigns inspiriert werden. Neben den klassischen Funktionen von Evaluation (Erkenntnis, Kontrolle, Entwicklung und Legitimation) macht die Autorin für den Kulturbetrieb zwei weitere wesentliche Funktionen aus: Kommunikation und Identitätsstiftung.

Svensson weist zur Genüge auf die häufig eingeschränkte Reliabilität und Validität der in den Beispielen erhobenen Daten hin, weshalb deren Interpretation und Schlussfolgerungen mit Vorsicht zu behandeln seien. Auch das Studiendesign entspreche in der Praxis häufig nicht wissenschaftlichen Standards. Svensson zeigt aber auf der anderen Seite auch die Vorzüge explorativer, teilweise ad-hoc durchgeführter Evaluationsmethoden als bewusstseins- und Selbstreflexivität stärkende Prozesse auf. Diese Dialektik integriert sie zusammen mit den Funktionen von Evaluation in einem eigenen Funktionsmodell. Mit der abschließenden Darstellung der Bedeutung von Eigeninitiative für eine nachhaltige Nutzung von Evaluationen beendet Svensson ihre Studie. Sehr anschaulich stellt sie dabei die Bedeutung der Bezüge zu verschiedenen Anspruchsgruppen heraus, die auch für Evaluationen verstärkt genutzt werden müssen.

Das Werk weist etwas zu häufig Rechtschreib- und Interpunktionsfehler auf, was mitunter störend wirkt. Vor dem Hintergrund der bemerkenswerten Leistung, eine anspruchsvolle Forschungsarbeit in einer Fremdsprache zu verfassen, kann man über dieses Detail einerseits zwar wohlwollend hinwegsehen, andererseits wäre ein sorgfältiges Lektorat sicherlich lohnend gewesen.

Fazit

Das Buch ist höchst lesenswert für Praktizierende im Kulturbetrieb und in der Kulturpolitik sowie für Lehrende und fortgeschrittene Studierende des Kulturmanagements. Es zeigt die Bedeutung und Notwendigkeit einer methodisch fundierten Reflexion des eigenen Handelns für den Kulturbetrieb auf. Die Frage lautet also nicht ob, sondern wie evaluiert wird. Hierfür eröffnet die Studie ein breites Impulsspektrum wenngleich sie sich was positiv zu werten ist auf ein schmales Feld fokussiert. Die Lektüre kann dazu beitragen, eine Bandbreite an Evaluationsmethoden kennenzulernen und sie nicht nur als kunstabgewandte Kontrolle zu verstehen. Damit gibt sie gute Argumente zur Hand, um der branchentypischen Skepsis gegenüber Evaluationen zu begegnen. Auch für Kulturbetriebe, die sich mit dem Gedanken einer ISO-Zertifizierung beschäftigen, können die prozessorientierten Evaluationsansätze entsprechende Anregungen geben.

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