02.05.2018

Themenreihe Führung

Autor*in

Uwe Wagner
studierte Wirtschaftsinformatik, Kulturmanagement und International Music Management. Nach verschiedenen Stationen in der privatwirtschaftlichen Kulturförderung und im öffentlichen Kulturbereich ist er seit 2014 Geschäftsführer der Neunkircher Kulturgesellschaft gGmbH. Dort verantwortet mit seinem Team verschiedene kulturelle Institutionen und Veranstaltungen der zweitgrößten Stadt des Saarlandes. Zudem ist er als Referent und Autor im Kulturmanagement tätig.
Buchrezension

Peripetie Prinzip. Die Kunst wirksamer Führung

Jeder kennt den Moment, in dem der Knoten platzt, die Lösung plötzlich vor einem liegt und Veränderung greifbar wird. Ginge es nach den (Kultur-)Managern Raphael, Severin und Alexis von Hoensbroech, sollte er der Antrieb jeder Führungsperson sein – und steht deshalb im Zentrum ihres neuen Buches.
 
Die Stichwortsuche „Führung“ bei Amazon ergibt 92.238 Treffer. Wie schafft man es, bei diesem Überangebot dennoch mit einer eigenen Publikation erfolgreich zu sein? Diese Frage haben sich möglicherweise die drei Brüder Alexis, Raphael und Severin von Hoensbroech gestellt, bevor sie sich an die Arbeit für ihr Buch „Das Peripetie-Prinzip“ gemacht haben. Man muss kein Marketingexperte zu sein, um eine naheliegende Antwort parat zu haben: Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit bzw. einen USP (unique selling point) schaffen.
 
Dies beginnt bereits mit dem Einband, der eingeklappt die Seiten überdeckt – auf diese Weise entsteht mehr ein kleines Päckchen als ein Buch – und dessen Riffelung eher von Kinderbüchern als von Managementliteratur bekannt ist. Dieser Eindruck setzt sich fort, etwa aufgrund der Schriftgröße oder immer wieder eingestreuten Strichmännchen. Hier möchte jemand etwas anders machen, möchte erzählen anstatt belehren, es soll unterhaltsam zugehen und nicht etwa langweilige Theorie widerspiegeln – aber ist das Überzeugung, Marketing oder einfach gutes Storytelling?
 
Führung und Peripetie
 
Auffallend ist in erster Linie aber der Titel: „Das Peripetie Prinzip. Die Kunst wirksamer Führung“. Den wenigsten Lesern wird dieser Begriff etwas sagen (wir haben es also doch mit Marketing-Experten zu tun). Auf dem Einband wird er wie folgt erläutert: „Peripetie – dieser Begriff aus dem Theater bezeichnet den Moment, in dem eine Handlung umschlägt. Den entscheidenden Augenblick, in dem ein Wandel stattfindet. Jede Führungskraft sucht solche Momente. Denn wer führt, muss wirksam sein und etwas bewegen, ob allein oder mit dem Team“. Die Verfasser sprechen damit den wunden Punkt eines Großteils der Managementliteratur an: Häufig werden dort Maßnahmen und Ideen aufgelistet, die interessant und hilfreich scheinen. Am Ende verbleiben sie aber doch in der Theorie und können in der Praxis aufgrund von zu wenig Zeit, Know-how oder Kompatibilität mit der Unternehmenskultur keine Wirksamkeit entfalten.
 
Der Titel weckt damit auch Erwartungen. Als Führungskraft denkt man, die Standardliteratur und den Kanon des Fachs zu kennen, doch der Begriff Peripetie ist in diesem Zusammenhang sicher noch nicht gefallen. Zudem ist von einer Kunst die Rede – ist Führen eine Kunst? Dieser Frage widmen sich ganze Bücher und Konferenzen, doch im Gegensatz zu vielen von ihnen kristallisiert sich eine Erkenntnis beim Lesen dieses Buches schnell heraus: Auch bei großen Fragen und Themen haben die Verfasser keine Berührungsängste.
 
Erwartung entsteht auch bei der Betrachtung der einzelnen Vitae der Verfasser (im Folgenden werden analog des Buches einzig die Vornamen der Brüder von Hoensbroech genannt). Alexis ist Vorstand einer Tochtergesellschaft eines Dax-Konzerns, Severin ist Regisseur, Schauspieler, Psychologe und Moderator und Raphael der aktuelle geschäftsführende Direktor des Berliner und designierte Intendant des Dortmunder Konzerthauses. Dies wäre an sich schon eine spannende Zusammensetzung – die Tatsache, dass es sich um Brüder handelt, ist allerdings sicher einzigartig.
 
Aufbau und Inhalt
 
Jeder von ihnen stellt Impulse aus seinem Spezialgebiet vor. Zu Beginn führt Severin in Kniffe rund um Kommunikationstechniken, Schauspielerei und (Power-Point-)Präsentationen ein. Auch über Rollenverhältnisse weiß er durch seine schauspielerische Ausbildung einiges zu berichten: „…daher gibt es in Film und Theater ein wichtiges schauspielerisches Grundprinzip: „Den König spielen immer die anderen“. Wenn ein König eine Szene betritt, spielen Trompeten, alle stehen auf und er ist der Einzige, der sich auf den Thron setzen darf. Er selbst braucht dann nicht mehr den König zu spielen. Der König ist nicht dadurch mehr König, dass er ständig zeigt, dass er der König ist.“ Gerade der Kulturbranche, in der die Egos mancher Führungskräfte überdimensioniert scheinen, würde die Beschäftigung mit diesem Grundprinzip sicher gut tun.
 
Raphael schließt an mit Transformationsprozessen aus der Führung eines Orchesters hin zu Führungs- und Konfliktlösungsstrategien im Managementalltag. Auch er nimmt u.a. den obigen Gedanken auf: „Ein Orchester mit hohem Selbstbewusstsein wie die Wiener Philharmoniker entscheidet nach Minuten, ob sie mit dem Dirigenten spielen oder trotz des Dirigenten. Und in der Tat: auch ein Chef ist zahnlos, wenn ihm nichts anderes einfällt, als Macht zu demonstrieren.“
 
Der am weitesten von der Kulturbranche entfernteste Bruder Alexis bringt seine Inhalte als Impulsreferate über das ganze Buch gestreut ein, schreibt über Chance Management, Work-Life Balance oder die Duz-Kultur im Unternehmen. Seine Thesen werden sehr anschaulich an Szenen aus dem Alltag verständlich gemacht, etwa am Beispiel des – häufig erfolglosen – Change Managements: „Machen Sie ein kleines Experiment: Falten Sie Ihre Hände und schauen Sie, welcher Daumen oben ist. Dann falten Sie Ihre Hände erneut, aber so, dass der andere Daumen oben ist. Fühlt sich komisch an, oder? Und jetzt nehmen Sie sich vor, einen ganzen Monat lang die Hände nur noch so zu falten, mit dem anderen Daumen oben. Eine lächerlich kleine Veränderung, aber ich verspreche Ihnen, Sie kriegen es nicht hin!“ Ein einfaches Bild und dennoch Verständnis fördernd, wenn die Führungskraft einmal wieder an der Veränderungsresistenz der Mitarbeiter verzweifelt.
 
Immer wenn ein solcher Impuls ansteht, wird die Seite zweigeteilt: Oben „schwebt“ der eingeschobene Text von Alexis, unten wird der Fließtext normal weiter geführt. Diese Darstellungsform mag zwar der Absicht des „anders Seins“ entsprechen, doch erzielt sie für die eigentlich gute Lesbarkeit des Buches eine völlig entgegengesetzte Wirkung: Auf den Seiten mit den Impulsen ist es dem Leser unmöglich, zwei inhaltlich völlig getrennte Texte parallel zu lesen. Dies bedeutet, dass er sich entscheiden muss, welchen Text er zuerst liest, danach muss zurück geblättert werden, um den fehlenden Abschnitt nachzuholen.
 
Auch wenn der Untertitel „Die Kunst wirksamer Führung“ viel verspricht, bleiben viele Fragen offen. Wie funktioniert wirksame Führung genau? Wodurch wird sie wirksam? Wie wird sie an konkreten Beispielen angewendet? Führt man ein Mitarbeitergespräch anders, wenn man „wirksam führt“? Es wäre ebenfalls spannend gewesen, zu erfahren, was die Brüder aus ihrem reichen Erfahrungsschatz zu Konflikten in der Führungsverantwortung raten würden.
 
Zur „Wirksamkeit“
 
Sicherlich mag es hilfreich sein, direkt aus der Feder eines Kommunikationsexperten Präsentations- und Informationstechniken vermittelt zu bekommen. Doch verspricht der Titel des Buches nicht nur andere Inhalte, aufgrund der Struktur wirken viele Themen auch recht oberflächlich behandelt. Dies ist auch deshalb sehr bedauerlich, da bereits die Kurzreferate andeuten, welche inhaltliche Tiefe die drei Spezialisten hätten einbringen können.
 
Schließlich wirkt dieses Buch dreier Experten nicht wie ein gemeinsam geschriebenes Werk, sondern eher wie die Sammlung dreier verschiedener Perspektiven. Die beinahe völlige Absenz gegenseitiger Bezüge spricht daher Bände. Doch selbst diese nebeneinander liegenden Perspektiven hätten sich zu einer erkenntnisgewinnenden Konklusion konkretisieren lassen. Auch sie wird allerdings schmerzlich vermisst. Dabei lagen genau hierin doch eigentlich der Charme und die große Chance dieses Werkes – drei Experten, drei Sichtweisen aus Wirtschaft, Schauspiel und Kultur vereint zu einer neuen Perspektive über Führung… und am Ende sogar zu einer Peripetie?
 
Fazit
 
Über die persönlichen Bezüge der Autoren sowie den legeren Schreibstil liest sich das Buch angenehm, unglücklich ist einzig die gewählte Darstellungsform paralleler Texte auf einer Seite. Auch die Inhalte sind in Teilen wertvoll und horizonterweiternd – doch ist die Erwartungshaltung bei dieser Autorenkonstellation deutlich höher. Weder die im Titel genannte „wirksame Führung“ noch die Peripetie begleiten den Leser stringent durch das Buch. Also alles nur ein Marketing-Gag? „Allerhand Nützliches über Führung aus verschiedenen Perspektiven“ wäre wohl der ehrlichere Titel des Buches gewesen. Aber seien wir ehrlich – würden wir das Buch kaufen? Würde dieser Titel aus den 92.238 Treffern bei Amazon herausragen?

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