04.02.2015

Autor*in

Anja Schwarzer
studierte in Halle und Sarajevo Interkulturelle Europa- und Amerikastudien sowie das Fernstudium Betriebswirtschaftslehre der FernUni Hagen. Unter anderem betreute sie als wissenschaftliche Assistenz die Beratung der Arbeitsgruppe Kulturkonzept der Landeshauptstadt Erfurt. Derzeit studiert sie den Master CrossMedia an der FH Magdeburg-Stendal.
Buchrezension

THINK Cross CHANGE Media 2014, Eine Standortbestimmung

Wenn sich Lessing, Herder und Wieland bei Facebook treffen würden.. Was wie ein schlechter Werbeaufhänger klingt, können die Nutzer einer App tatsächlich ausprobieren. Dieses Beispiel ist nur eines aus dem Tagungsband THINK Cross CHANGE Media, der zeigt, welchen Mehrwert crossmediale Kommunikation dem Kulturbereich zu bieten hat.
 
Tagungen und somit auch ihr schriftliches Pendant bedienen oft Nischenthemen und bieten dem fachfremden Leser kaum zaunpfahlgroße Tipps, die er in seinem eigenen Berufsfeld verwerten kann. Die Rezension eines Tagungsbandes stellt entsprechend eine Herausforderung dar. Auch wenn es ein übergeordnetes Thema gibt und man einen roten Faden findet, bauen die einzelnen Beiträge nicht direkt aufeinander auf und die Dramaturgie ist selten erkennbar.

Der von Ilona Wuschig, Christine Goutrié und Sabine Falk-Bartz herausgegebene Band Think CROSS - Change MEDIA. Crossmedia im Jahr 2014 - Eine Standortbestimmung bildet keine Ausnahme, doch er hat einen entschiedenen Vorteil: Es geht um (crossmediale) Kommunikation und Interaktion und diese Aufgabe ist universell und spartenübergreifend. Seine Anwendbarkeit für das Kulturmanagement zeigt sich in den abgedeckten Themenbereichen: Neue Geschäftsmodelle oder Organisations- und Arbeitsstrukturen werden nicht nur in der Kreativwirtschaft, sondern auch in öffentlich geförderten Kultureinrichtungen immer wichtiger. Zudem spielen digitale Öffentlichkeiten oder die Fachkommunikation über Social Media eine zunehmend zentrale Rolle. Die inhaltliche Kulturarbeit wird von sich veränderten Identitäten, der Erinnerungskultur oder auch Diversity und Inklusion zunehmend geprägt. Big Data und Marktforschung schließlich sind nicht nur für gutes Marketing, sondern auch Ticketverkäufe und Controlling wichtig.

Der Titel des Bandes zur zweiten gleichnamigen Tagung des berufsbegleitenden Masterstudienganges Cross Media der FH Magdeburg-Stendal ist nicht nur ein schönes Wortspiel, sondern beschreibt das Bestreben sowohl der Tagung als auch des Studienganges, Journalismus, Interaction Design und Management als Grundpfeiler der modernen Medienwelt und deren Zusammenspiel zu vermitteln. Die genannten Disziplinen müssen fachübergreifend arbeiten, um in der Medienwelt von heute bestehen zu können. Das setzt neben Kompetenzen aus dem eigenen Kernbereich Wissen aus den jeweils anderen voraus sowie die Bereitschaft, die anderen Perspektiven bei Entscheidungen immer mitzudenken. (vgl. S. 9, Editorial)

Diesen Ansatz kann der Tagungsband über fast die gesamte Länge halten, auch wenn besonders bei den technischen Themen, wie dem Beitrag von Manuela Rohde zu Visualisierungen im Datenjournalismus, viel Hintergrundwissen vermittelt werden muss oder es sich bei Inklusion hörgeschädigter Menschen im Internet (Marian Gläser, Nicole Tänzer) (noch) um ein Nischenthema handelt, das sich etwas im Detail verliert. Beide Beiträge befinden sich im ersten Drittel des Bandes, das sich hauptsächlich der Analyse theoretischer Ansätze widmet und diese mal mehr mal weniger stark interdisziplinär verknüpft. Nicht jeder Beitrag ist dabei so eindeutig wie die Fragestellung von Björn Stockleben: Marktforschung vs. User Experience Research: Der böse Zwilling?. Er zeigt auf, wie die zwei Sichtweisen, einmal auf Kund_innen (Marketing) und einmal auf Nutzer_innen (User Experience Research), sinnvoll verbunden werden können. Diesen bösen Zwilling sieht womöglich auch der Kulturvermittler in der Dramaturgin und umgekehrt. Beide arbeiten an der Schnittstelle von Kulturprodukt und Publikum mit unterschiedlichen Methoden und teils sich widersprechenden Herangehensweisen, um eine Wechselbeziehung entstehen zu lassen.

Sehr gelungen ist die Zusammenstellungen und Diversität der behandelten Themen. Innerhalb der wissenschaftlichen Fragestellungen präsentiert z.B. Miriam Julius ihre Forschung zum Thema Erinnerungspotenzial in sozialen Medien. Sie macht deutlich, dass die vorhandenen Interaktionskonzepte der sozialen Medien sich dafür im Moment nur bedingt eignen. Ihr Beitrag bietet somit einen Überblick über das Nutzungsverhalten und die Erinnerungskultur des Hauptklientel sozialer Netzwerke. Erkenntnisse die auch in der kulturellen Nachwuchsarbeit eine Rolle spielen werden.

Der zweite Teil stellt mehrere (cross)mediale Projekte vor und bietet Praxisbeispiele. Es fällt auf, dass fast alle von ihnen bereits im Werdegang auf längst bestehende Daten und Ideen zurückgriffen, diese mit neuen Ansätzen verknüpften und bereits Bekanntes aus anderer Perspektive erzählen. Das ist auch für die Kulturarbeit interessant und wichtig, um neue Blickwinkel zu eröffnen und möglichst breite Zielgruppen zu erreichen. So entstand z.B. Generation Wende das erste transmediale und datenjournalistisch aufbereitete TV- und Onlineprojekt des MDR. Die Dokumentation basiert auf einer Längsschnittstudie, die seit 1987 über mehrere Jahre damals 15 jährige nach Ihren Vorstellungen und Werten befragte.

Dazu gesellt sich ist der Praxisbericht über das Gleimhaus in Halberstadt, der Gleim.net, das hauseigene digitale museumspädagogische Angebot, vorstellt. Es basiert auf einer App, die die Parallelen zwischen der Kommunikation während der Zeit der Aufklärung und jener in aktuellen Social Networks erlebbar macht. Die Strategie des Remakes oder Reboots wird letztens immer öfter und erfolgreicher (z.B. im Bereich Film) genutzt und hat zumindest aus der Perspektive des Marketing eine guten Wiederverwertungswert.

Weniger überzeugend ist hingegen der Beitrag zum Redaktionsmanagement der Zukunft. Es handelt sich um ein überarbeitetes Interview mit dem Entwickler eines virtuellen Redaktionsmanagementsystems, das zwar gut vermittelt, welche organisatorischen Probleme Redaktionen aktuell im Alltag haben, aber bei näherer Betrachtung einer Dauerwerbesendung gleicht. Hier sticht ein großes Problem des zweiten Teils des Bandes ins Auge: Fast alle Beiträge sind von den Initiatoren selbst geschrieben und damit per se wenig(er) differenziert.

Im dritten Teil, dem Cross-Media-Mosaik, werden studentische Arbeiten des Masterstudienganges Cross-Media vorgestellt. Mit Fragestellungen zu Wissenschaftskommunikation in Zeiten von Twitter und Co. und zu Corporate Blogs für junge Unternehmen beschäftigen sich die Studenten mit sehr aktuellen Themen, die auch für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Theater, Museum, Konzerthaus und Co relevant sind. Thematisch anknüpfend kann man sich auch im Bereich Kunst und Kultur fragen: Wie viel (Hoch)Kultur und Vermittlung passt in 140 Zeichen? Es stellt sich auch hier wie so oft die Frage, welche Chancen und welche Risiken mit der professionellen Nutzung neuer Techniken und Kanäle einhergehen. Und auch hier gilt, nur gut durchdachte und mit Hingabe veranstaltete Aktionen sind sinnvoll und letztendlich erfolgreich.

Ein kleiner Wehrmutstropfen bleibt: Die Bandbreite von falschen Trennungen bis zu fehlenden Wörtern mindert etwas den Lesespaß.

Der Band bietet, wie versprochen, eine aktuelle Standortbestimmung: Welchen Weg ist die crossmediale Kommunikation in den vergangenen Jahren gegangen, wo stehen wir und in welche Richtung kann es gehen? Aufgrund der Universalität des Themas und den neuen Aufgabenbereichen, die auch auf Praktiker im Kulturbetrieb zukommen, lohnt es sich, einen Blick in diese Richtung zu werfen. Cross Media darf hier keine Randerscheinung mehr sein.

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