04.05.2018

Themenreihe Ländlicher Raum

Autor*in

Simone Holt
studierte Kunstgeschichte und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum und der Università di Pisa. Sie ist Kunst- und Kulturvermittlerin, Kuratorin und Projektmanagerin. Nach mehreren beruflichen Stationen, u. a. am LVR-Freilichtmuseum Lindlar und am Schauwerk Sindelfingen, war sie im TRAFO-Projekt „Kultur+ im Saarpfalz-Kreis“ tätig.
Buchrezension

Vital Village. Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung

Ländliche Räume bekommen von kultureller und politischer Seite zunehmend mehr Aufmerksamkeit. In diesem zweisprachigen Sammelband beleuchten 26 AutorInnen aus diversen Blickwinkeln die Kulturarbeit, -entwicklung und -politik in Gemeinden fern der Metropolen. Die empfohlenen kulturpolitischen Maßnahmen können dabei durchaus als zukunftsweisend gelten.
 
In vielen Dörfern und peripheren Regionen Europas sind die gesellschaftlichen und strukturellen Entwicklungen, die die Prognose „weniger, älter, ärmer, bunter“ begründen, inzwischen deutlich wahrnehmbar. Diese Situation führte zu neuen Forschungs-, Förderungs- und Handlungsperspektiven in Bezug auf die Kultur. Damit richtet sich das professionelle Interesse zunehmend auf die abgelegenen „Kulturlandschaften“. Dem programmatischen Untertitel des 2017 im transcript Verlag erschienenen Buches entsprechend verstehen die HerausgeberInnen Beate Kegler, Daniela Koß und Wolfgang Schneider die „Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung“. Anhand eigener und zahlreicher weiterer Beiträge von (Kultur-)WissenschaftlerInnen, -managerInnen und -vermittlerInnen, KünstlerInnen und AkteurInnen veranschaulichen sie den Stand der Dinge in Theorie und Praxis. Dabei setzen die Fragestellungen und Analysen des Bandes vielfach beim demografischen Wandel an. Auch die Best practice-Beispiele aus anderen europäischen Ländern geben Anregungen für innovative und nachhaltige Kulturprojekte.

Positions- und Begriffsbestimmungen

In ihrer Einleitung skizzieren die HerausgeberInnen die Themen und methodische Ausrichtung der vier Teile der Publikation. So kann man sich einen Überblick verschaffen und je nach fachlicher Schwerpunktsetzung und Lesezeitreserven die passenden Texte auswählen. Außerdem gibt es einen „Kultur-Thesaurus“, der gängige, aber durchaus unterschiedlich aufgefasste Begriffe definiert und somit der (internationalen) Verständigung und Zusammenarbeit tatsächlich dienlich sein kann.

Breiten- und Soziokultur im Wandel

Die AutorInnen stellen – z. T. untermauert mit Statistiken – zunächst die allgemeinen Problemlagen des demografischen Wandels dar, vor denen viele Gemeinden abseits der urbanen Zentren stehen: Abwanderung von gut ausgebildeten jungen Menschen, eine signifikant alternde Bevölkerung, unzureichende Infrastruktur etc. Dadurch verliert die Breitenkultur – praktiziert z. B. in Theatergruppen, Blaskapellen und Heimatvereinen – ihre langjährigen MacherInnen und gewinnt kaum neue MitstreiterInnen. Nicht zuletzt sind die Kulturetats ländlicher Kommunen meist blank.

Doch bei diesen Zustandsbeschreibungen belassen es die ExpertInnen nicht. Vielmehr betonen sie die Vorteile von Breiten- und Soziokultur, die eine gemeinschafts- und identitätsstiftende Funktion, Orte der Kommunikation, kulturelle Bildungsarbeit usw. gerade in ländlichen Räumen bieten. Erwartungsgemäß weisen sie auch auf Impulse durch Kulturinitiativen hin und formulieren kulturpolitische Handlungsempfehlungen, u. a.:
  • Positivere Konnotation der Breitenkultur im Rahmen der kommunalpolitischen Agenda
  • Stärkere inhaltliche und finanzielle Steuerung
  • Passgenauere Förderprogramme für Landes- und Kulturentwicklungsplanung auf regionaler Ebene
  • Organisation von „SchlüsselakteurInnen“ und Orten des Wirkens in Netzwerken
  • Unterstützung von KünstlerInnen und soziokulturell Aktiven, die gemeinsam mit Ortsansässigen zeitgemäße Wege der Kulturarbeit gehen.
Freiräume statt Leerstände; Nähe statt Ferne

Zu den Folgen des demografischen Wandels im ländlichen Raum gehören auch leerstehende Gebäude. Wenn deren kreative Nutzung Versorgungslücken schließt, das Leben im Dorf attraktiver gestaltet und/ oder sogar die heimische Wirtschaft ankurbelt und dafür öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, wirkt dies motivierend und ansteckend. Das gilt etwa für zwei kulturelle Jugendprojekte, die den Demografie-Preis der Landesregierung Hessen erhielten und im Buch näher vorgestellt werden: Das eine stärkt die Heimatbindung junger MusikerInnen und schafft zugleich ein Konzert-Event auf dem Land, das andere befördert in Theater- und Filmworkshops die künstlerische Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel vor Ort.

Diversität und Digitalisierung

Während in der Kulturszene der Städte die Nutzung digitaler Medien sowie die kulturelle und gesellschaftliche Diversität produktiv angegangen werden, kommen diese wichtigen Themen bei der Kulturarbeit in ländlichen Räumen bislang kaum zum Tragen. Entsprechend findet sich im Sammelband – leider – nur ein einziger Text dazu. Die österreichische Autorin Andrea Folie zeigt darin auf, wie die Digitalisierung der zwischenmenschlichen Kommunikation einen Beitrag zur kulturellen Verständigung leisten kann, z. B. in den Bereichen Bildung und Integration. Beispielsweise junge Flüchtlinge kommunizieren vor allem online, per WhatsApp, Facebook, Skype usw. Weniger technikaffine ältere BürgerInnen, die häufig als Integrationshelfer aktiv sind, brauchen hier Unterstützung. Diesen Bedarf bedient beispielsweise das Projekt „Querbeet“ im Salzburger Land, dessen Zielsetzung darin liegt, die (inter-)kulturelle Bildung in der Region intermedial zu vernetzen und die Menschen daran mitwirken zu lassen.

Kirche und Kultur

Den bis dato kaum vorhandenen Diskurs über die kulturpolitische Stellung und Bedeutung von AkteurInnen der Kirchenmusik stößt eine Studie an, die das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim im Auftrag der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover durchführte. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass
  • ländliche Räume vom institutionalisierten, vor allem nebenberuflichen und ehrenamtlichen Einsatz der KirchenmusikerInnen profitieren. Oft sind sie die einzigen trägergebundenen VertreterInnen klassischer Musikkultur am Ort.
  • das Spektrum des Laienmusizierens von diversen Chören über Instrumentalgruppen aller Art bis hin zu Jugendbands reicht.
  • vielerorts der Nachwuchs für kirchenmusikalische Aufgaben fehlt.
Mit Blick auf diese Problematik und erfolgreiche Gegenbeispiele rät der Autor Thomas Renz den AkteurInnen in den Kirchen zu einer offensiven Jugendarbeit inklusive der Vermittlung von Führungskompetenzen. Außerdem sollte eine offenere Diskussion über Musikpräferenzen und die Modernisierung kirchenmusikalischer Traditionen stattfinden. Sinnvoll erscheint auch die Empfehlung, entsprechende Netzwerke mit der freien Kulturszene zu knüpfen.

Gelingensbedingungen von Projekten

Dass sich AkteurInnen vor Beginn eines kulturellen Vorhabens mit den potenziellen (Miss-)Erfolgsfaktoren befassen sollten, wird an einigen Stellen deutlich gemacht. Die Autorin Daniela Koß hat einen Fragenkatalog für die Planungsgrundlagen eines Projekts erstellt, der etwa die Zielgruppen, personelle und zeitliche Kapazitäten oder die Finanzierung betrifft.

Im Sammelband wird immer wieder auf die besonderen geografisch-infrastrukturellen Gefüge der ländlichen Räume abgehoben. Für „mobile und dezentralisierte Konzepte partizipativer Kulturarbeit“ plädiert der Kulturmanager Piotr Michaowski aus Polen. Er führt nachvollziehbar aus, dass flächenmäßig größere Gebiete „ein horizontales Netzwerk lokaler Partnerschaften“ erfordern, die idealerweise „über die Ressourcen […] eines Hauptquartiers für die effiziente Unterstützung örtlicher Initiativen verfügen [können]“.

Ist und Soll innovativer Kulturförderung und -netzwerke

Die Beiträge im letzten Kapitel widmen sich der Kulturförderung in ländlichen Regionen durch Stiftungen in Deutschland, verschiedene Programme, Aktivitäten und Netzwerke auf EU-Ebene sowie die Entwicklungsstrategien der Europäischen Kulturhauptstädte. Gerade die beiden letztgenannten bieten dabei einige neue Ansätze, die vor allem die breite Partizipation der BürgerInnen am Kulturschaffen, die Nachhaltigkeit und die europaweite Vernetzung hervorheben.

Die Autorin Daniela Koß fokussiert zwei große deutsche „Player“ der Kulturförderung. Auf Landesebene hat die Stiftung Niedersachsen das Förderprogramm „sozioK_change“ aufgelegt, bei dem es um den Generationswechsel in den Kulturzentren, um Organisationsentwicklung, die Überarbeitung der Corporate Identity usw. geht. Auf Bundesebene unterstützt die Kulturstiftung des Bundes mit ihrer Initiative „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ noch bis 2020 vier ländliche Modellregionen dabei, Transformationsprozesse vor Ort umzusetzen, um die kulturelle Infrastruktur zu stärken. Dabei entwickeln öffentliche Kultureinrichtungen mit Beteiligung der Bevölkerung innovative, nachhaltige Angebote, erproben neue Kooperationen und vernetzen sich.

Als Insiderin vermag Koß die Hintergründe für die Ausgestaltung solcher Förderprogramme klar zu schildern. Sie macht mehrere, an KulturpolitikerInnen adressierte Vorschläge, wie die Rahmenbedingungen auf dem Land für Förderungen zu verbessern wären – zum Beispiel
  • mittels kommunaler Vernetzungsplattformen für KulturakteurInnen untereinander und mit anderen Bereichen (Bildung, Soziales, Tourismus)
  • durch die zeitgemäße Präsentation von Alltagskultur und Volkskunde und deren Einbindung in eine touristische Marketingstrategie der Region
  • mittels Anreizen für KünstlerInnen, etwa in Form von Residenzprogrammen
  • durch die Unterstützung der kulturellen Bildung durch das Bereitstellen von Räumen, mobile Verkehrskonzepte und Qualitätssicherung
  • mittels der Initiierung und Umsetzung von Kulturentwicklungskonzeptionen unter Beteiligung der BürgerInnen.
Auch Beate Kegler und Wolfgang Schneider weisen in ihrem engagierten „Schlusswort“auf die Notwendigkeit eines „Paradigmenwechsels in der Kulturpolitik“ und die Potenziale der ländlichen Räume hin.

Fazit

Die Kultur in ländlichen Regionen ist ein weites Feld. Den HerausgeberInnen des Bands „Vital Village“ kommt dabei das Verdienst zu, enorm viele Beiträge zu entsprechenden Kulturthemen akquiriert und recht übersichtlich gegliedert zu haben. Sei es das Dokumentartheater mit Geflüchteten, die künstlerische Wiederbelebung lokaler Geschichte oder die Oper im Schweinestall – sicherlich ist jedes der im Buch vorgestellten Good Practice-Beispiele wirkungsvoll und nachahmenswert. Dabei enthalten die „Steckbriefe“ der Projektberichte Schlagworte und Zahlen, die eine schnelle Einordnung ermöglichen.

Abzüge gibt es in der B-Note: Mehrfach werden ländliche Räume und demografischer Wandel definiert; ebenso finden sich Dopplungen einiger Fotos, die überdies z. T. wenig aussagekräftig sind. Im Sinne der Political Correctness wäre außerdem der Begriff „Überalterung“ zu vermeiden.

Ein großer Pluspunkt ist der Einbezug europäischer und spartenübergreifender Ansätze, die sowohl den Horizont als auch die Möglichkeiten des Austausches und des Netzwerkens der Culture Community erweitern. Insgesamt löst das Handbuch den Anspruch ein, eine Positionsbestimmung von Kulturentwicklungskonzepten und -angeboten für die ländlichen Räume vorzulegen.

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