12.10.2015

Autor*in

Eva Göbel
verantwortet die Drittmittelakquise für den städtischen Eigenbetrieb „JenaKultur“. Zuvor arbeitete sie als Kulturmanagerin u.a. für die IBA Thüringen, als Redakteurin und Journalistin, unter anderem bei Kultur Management Network. Sie studierte Literatur, Kunst und Kultur in Göttingen, Paris und Jena.
Jobsharing

Kulturverwaltung der Stadt St. Gallen

In unserer aktuellen Reihe Arbeitskultur stellen wir flexible Arbeitsmodelle vor, die auf die Bedürfnisse einer modernen Arbeitswelt reagieren. Seit knapp einem Jahr leiten zwei Frauen im Jobsharing die Fachstelle Kultur der Stadt st. Gallen. Die Kunsthistorikerin Kristin Schmidt und die Historikerin und Germanistin Barbara Affolter teilen sich eine Vollzeitstelle in Führungsposition und sind damit voll zufrieden.
KMN: Liebe Frau Affolter, liebe Frau Schmidt, warum ist Jobsharing für Sie das richtige Arbeitsmodell? Würden Sie überhaupt jemals wieder Teilzeit oder Vollzeit ohne Jobsharing arbeiten wollen?

Barbara Affolter/ Kristin Schmidt: Das Jobsharingmodell wird am besten von zwei Seiten betrachtet, denn sein Nutzen ist beidseitig. Für uns als Kulturbeauftragte ist es ein ebenso großer Gewinn wie für die städtische Kulturförderung, auf mehr Fachwissen und ein größeres Netzwerk zurückgreifen zu können und inhaltlichen Austausch innerhalb einer Stelle pflegen zu können. Nach den positiven Erfahrungen des ersten Jahres stellt sich für uns nicht die Frage, in ein anderes Modell zu wechseln. Die familiäre Situation spielt da durchaus auch eine, aber nicht die Hauptrolle. Wir haben beide Kinder im Schulpflichtigen Alter. Es zeigt es sich immer mehr, dass es vielfältige Gründe dafür geben kann, gerade im Kaderbereich keine Vollzeitanstellung als einzelne Arbeitnehmerin anzustreben, sondern sich Stellen zu teilen.

KMN: Wie kamen Sie auf die Idee, sich zusammen auf die Leitungsposition in der Kulturverwaltung zu bewerben?

BA/KS: Der St. Galler Kulturbetrieb ist trotz seiner Vielfalt und Qualität überschaubar. Wir begegneten uns in den vergangenen Jahren regelmäßig auf Kulturveranstaltungen. Als die Stelle der städtischen Kulturbeauftragten ausgeschrieben wurde, haben wir uns entschieden, uns gemeinsam zu bewerben. Ausgeschrieben war die Stelle nicht für dieses Arbeitsmodell. Aber wir haben von Anfang an das große Potential gesehen, hier ein größeres Netzwerk einbringen und uns intensiver mit den anstehenden Aufgaben beschäftigen zu können. Zufällig wurde zum Zeitpunkt unserer Bewerbung das Modell intensiv in den Medien besprochen, vor allem am Beispiel des Universitätsspitals Zürich.

KMN: Sie hatten mit Ihrer Tandem-Bewerbung Erfolg und wurden eingestellt. Was waren rückblickend die erfolgsbringenden Faktoren?

BA/KS: Wir haben uns mit zwei Lebensläufen, zwei Motivationsschreiben und einem gemeinsamen Bewerbungsschreiben beworben. In letzterem sind wir gezielt auf das Jobsharingmodell eingegangen. Wir wurden in einer ersten Runde getrennt zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Die Einladung zu einem zweiten, gemeinsamen Gespräch ging einher mit der Bitte, darzulegen, wie wir der Fachstelle Kultur zu zweit dennoch ein einheitliches Gesicht und eine Stimme geben können, welches der Sinn und Nutzen des Jobsharingmodells an dieser Position für die Stadt St.Gallen sein kann und wie wir uns anhand der Stellenbeschreibung die konkrete Aufgabenteilung vorstellen. Die Gedanken, die wir uns zu diesen Fragen gemacht haben, waren eine gute Vorbereitung für den späteren Stellenantritt. Die bereits genannten Punkte mehr Fachwissen, ein größeres Netzwerk und inhaltlicher Austausch innerhalb einer Vollzeitstelle haben wir im Bewerbungsgespräch besonders positioniert.

KMN: Sind Ihre Erwartungen erfüllt worden? Was bieten Sie als Doppelpack der Kulturlandschaft in St. Gallen?

BA/KS: In der täglichen Arbeit ist es beispielsweise beim Bearbeiten und Entscheiden der Gesuche von großem Nutzen auch wenn es nur eine Vollzeitstelle gibt, von zwei Seiten urteilen zu können und miteinander im Diskurs zu stehen. Wir bringen verschiedene Perspektiven mit und arbeiten an gleichen Themen und Zielen. Die Arbeit in den Gremien wie Stiftungsräten und Arbeitsgruppen haben wir uns aufgeteilt. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist das offene Gespräch mit Kulturschaffenden auch außerhalb des Büros. Es ist uns ein Anliegen, die Kulturschaffenden dort abzuholen, wo Kulturarbeit geleistet wird, zu vermitteln, Auftrittsmöglichkeiten zu besprechen und die Kulturschaffenden untereinander zu vernetzen. Zu zweit haben wir hier eine ganz andere Reichweite als eine Person allein.

KMN: Wie können wir uns Ihren Arbeitsalltag vorstellen? Mit welchem Projekt beschäftigen Sie sich gerade?

BA/KS: Als Co-Leiterinnen der Fachstelle Kultur sind wir Ansprechpartnerinnen für Kulturveranstaltende und Kulturschaffende. Wir beraten den Stadtrat und die Stadtverwaltung im Bereich Kulturpolitik und Kulturförderung, vertreten die Stadt in externen und internen Gremien und bearbeiten die Gesuche um Fördermittel. Aber die Stadt leistet nicht nur finanzielle Unterstützungsbeiträge für Kulturinstitutionen und kulturelle Aktivitäten, sondern stellt Infrastruktur für kulturelles Wirken zur Verfügung. Hier zeigt sich immer wieder, dass der Bedarf weitaus grösser ist als das Angebot. So versuchen wir, im engen Kontakt mit anderen Dienststellen alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Der Arbeitsalltag ist vielseitig und läuft zu keiner Zeit nach einem festen Schema ab. Wir haben zwar definierte Arbeitszeiten mit zwei gemeinsamen Halbtagen, um uns sowohl abzusprechen als auch Termine gemeinsam wahrnehmen zu können, andererseits ist große Flexibilität nötig. Der Kulturbetrieb hört bekanntlich nicht am Feierabend auf und gerade externe Sitzungen sind in ihrem Zeitplan gesetzt, hier ist es zwingend nötig, dass wir unsere Agenden anpassen, nicht davon ausgehen, dass es andersherum funktioniert. Ein Vorteil des Jobsharing ist es hier, dass wir auch sich überschneidende Termine wahrnehmen können. So gilt für Gremien- und Projektarbeit: Es gibt eine Ansprechperson. Die Aufteilung nehmen wir auf der Basis unseres Fachwissens, unseres Netzwerkes, unserer Motivation und auch nach der terminlichen Verfügbarkeit vor.

KMN: Welchen Stellenwert besitzt Jobsharing Ihrer Ansicht nach in der Schweizer Betriebskultur?


BA/KS: Die Tatsache, dass die Stadt St.Gallen die Leitung der Fachstelle Kultur im Jobsharing besetzt hat, ist auch in der Schweiz keine selbstverständliche Entscheidung und zugleich eine, die zeigt, wie fortschrittlich die Stadt als Arbeitgeberin ist. Noch immer kommt einer im Jobsharing besetzten Leitungsstelle Modellcharakter zu.

KMN: Wie war das Medien-Echo in St. Gallen auf die Besetzung der Fachstelle Kultur mit einem Jobsharer-Team?

BA/KS: Wir haben ausschließlich positive Rückmeldungen erhalten, sowohl darauf, dass wir uns entschieden haben, uns gemeinsam zu bewerben, als auch darauf, dass die Stadt die Stelle im Jobsharingmodell vergeben hat. Es war allerdings etwas irritierend, dass oft vom Mut der Stadtverwaltung gesprochen wurde. Inzwischen sollten solche Arbeitsteilungsmodelle etwas selbstverständlicher sein, ganz unerprobt sind sie längst nicht mehr.

KMN: In Deutschland versucht aktuell die Plattform tandemploy das Arbeitsmodell des Jobsharing populärer zu machen. Indem sich dort Tandems, also Jobsharing-Partner, wie bei einer Partnerbörse suchen und finden können, und Firmen kostenpflichtig Ihre Jobsharing-Stellen dort einstellen. Welche Rolle spielen solche Jobsharing-Plattformen Ihrer Meinung nach bei der Flexibilisierung von Arbeitsmodellen?


BA/KS: Die Plattform kann über die konkrete Stellenvermittlung hinaus dafür sorgen, dass dieses Arbeitsmodell noch bekannter und das Wissen um die Vorteile weiter gestreut wird. Zudem ist es wichtig, die Herausforderungen der Jobsharing-Praxis zu thematisieren, so tauchen mögliche Probleme nicht erst auf oder können einfach gelöst werden. Trotz des Nutzens einer solchen Plattform denken wir, dass vor allem noch sehr viel Initiative seitens der Bewerberinnen und Bewerber nötig ist. Viele Firmen sind noch nicht darauf gekommen, Stellen in diesem Modell auszuschreiben, hier lohnt es sich, selbst Tandems zu bilden, sich zu zweit zu bewerben und den Firmen bewusst zu machen: Arbeitgeber bekommen nicht etwas Geteiltes, sondern doppelt so viel Fachwissen und Engagement als würde die Stelle mit einer Person besetzt.

KMN: In der Schweiz ist die Realisierung flexibler Arbeitsmodelle, Jobsharing inklusive, politisch gewollt. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau unterstützt mehrere Projekte in dieser Richtung. Finden Sie, dass es Aufgabe der Politik ist, flexible Arbeitszeitmodelle zu fördern?


BA/KS: In der Schweiz besteht sehr großer Nachholbedarf, was die Vereinbarkeit von Beruf, freiberuflichem und ehrenamtlichem Engagement sowie der Familie anbetrifft, so sind vielerorts Tagestrukturen für schulpflichtige Kinder nicht vorhanden oder gerade erst im Aufbau. Flexible Arbeitsmodelle sind ein Weg, um diesem Problem zu begegnen, Politik und Wirtschaft sind hier gleichermaßen gefordert.

KMN: Was könnte denn die Politik tun? Und was wäre Aufgabe der Wirtschaft?

BA/KS: Niemand kann für Jobsharingmodelle verpflichtet werden, zumal es auch darauf ankommt, dass sich gute Tandems finden. Aber wenn eine grundsätzliche Bereitschaft für dieses Modell signalisiert wird, gute Beispiele kommuniziert werden und entsprechende Angebote aktiv bei Stellenausschreibungen gemacht werden, wäre dies ein großer Schritt.

KMN: Liebe Frau Affolter, liebe Frau Schmidt, wir bedanken uns bei Ihnen für das Gespräch!
Kommentare (0)
Zu diesem Beitrag sind noch keine Kommentare vorhanden.