30.11.2018

Themenreihe Karriere

Autor*in

Madeleine Leitner
ist Diplom-Psychologin mit Berufserfahrung als Psychotherapeutin und in der Wirtschaft. Mitte der 90er Jahre wurde sie zur Pionierin für Karrierethemen in Deutschland. Seit vielen Jahren betreut sie Klienten bei der Klärung und Realisierung ihrer beruflichen Ziele.
Karriereplanung mit System

Warum man nicht immer gleich aussteigen muss

Geisteswissenschaftler wählen ihren Beruf meist als Berufung. Umso enttäuschter sind sie, wenn die Realität nicht ihren Erwartungen entspricht. Wer unzufrieden mit seinem Job ist und darüber nachdenkt, etwas zu ändern, kann jedoch zu voreiligen Schlussfolgerungen kommen. Die Lösung, alles hinzuschmeißen und „etwas ganz anderes“ zu tun, ist aber oft ein Trugschluss.
Berufliche Unzufriedenheit ist ein Symptom, das viele Gründe haben kann. Daher geht es zunächst darum, eine ordentliche Diagnose zu machen. Erst diese führt zur richtigen Therapie, die das Problem nachhaltig lösen hilft, statt nur das Symptom zu bekämpfen. So erreicht man aber keine „Heilung“, manchmal nur eine Verschiebung des Problems. Manchmal wird sich das Symptom sogar noch verschlimmern.
 
Seit vielen Jahren begleite ich beruflich Unzufriedene bei ihrer Suche nach einer Verbesserung für ihre Situation. Typisch ist, dass sie zwar mehr oder weniger unglücklich sind, ihre berufliche Unzufriedenheit aber meist nur vage beschreiben können. Dennoch sind viele der Überzeugung, dass sie etwas ganz anderes machen müssten, um wieder zufrieden zu sein. Um es vorweg zu nehmen: Die wenigsten Klienten, mit denen ich über viele Jahre hinweg gearbeitet haben, waren wirklich im falschen Beruf gelandet. Bei differenzierter Betrachtung waren in den meisten Fällen überschaubare Lösungen möglich. Meistens sind es also bestimmte Punkte, die den ganzen Job überlagern und zur Hölle mutieren lassen.
 
Vor einigen Jahren betreute ich eine unglückliche Filmemacherin, um Ideen für „etwas ganz Neues“ zu entwickeln. Es zeigte sich allerdings, dass eigentlich fast alles an ihrem Beruf gut zu ihr passte. Die gelernte Naturwissenschaftlerin mochte ihre Tätigkeit, bei der sie komplexe wissenschaftliche Sachverhalte anschaulich vermitteln konnte. Der entscheidende Punkt für ihr Unglück lag in dem für ihre Vorstellungen viel zu geringen wissenschaftlichen Anspruch ihrer Sendungen. Nach unserem Coaching hatte sie klar Anhaltspunkte für den Veränderungsbedarf: Sie machte sich als Filmproduzentin selbständig und konnte innerhalb ihrer bisherigen Tätigkeit ihre Aufgabe so gestalten, dass sie sich wieder voll damit identifizieren konnte.
 
Dieses Fallbeispiel ist symptomatisch für viele Erfahrungen. Bei den meisten geht es eher um ein Fein-Tuning als um einen radikalen Bruch. Ist der konkrete Veränderungsbedarf ermittelt, kann man oft mit überschaubarem Aufwand wieder zu Freude an der eigenen Arbeit finden. Denn an die positiven Seiten eines Jobs gewöhnen sich Menschen schnell, die negativen fallen ihnen aber tagtäglich auf und werden daher überschätzt.
 
Mögliche Ursachen der beruflichen Unzufriedenheit: Die Anatomie eines Jobs
 
Für die Bestimmung der beruflichen Unzufriedenheit arbeite ich mit dem systematischen Ansatz der so genannten „Anatomie eines Jobs“, mit dem man herausfinden kann, worin die eigentliche Ursache der Unzufriedenheit begründet liegt. Die Klienten entwickeln damit auch ein Raster, um die aktuelle Tätigkeit möglichst objektiv zu bewerten: Was genau ist nicht befriedigend? Ist das Problem lösbar oder ist es so grundlegend und unveränderlich, dass man tatsächlich „etwas ganz anderes“ machen sollte? Und wenn ja: Was könnte das sein? Woran erkenne ich, ob es sich tatsächlich um eine Verbesserung handelt?
 
Bei der Standortbestimmung geht es um folgende Punkte, die für die berufliche Zufriedenheit eine entscheidende Rolle spielen:
 
1. Fähigkeiten
 
Jeder Mensch hat irgendwelche Fähigkeiten. Diese gilt es zunächst herauszufinden. In der Psychologie bietet die Eignungsdiagnostik zahlreiche Verfahren an: Interessenfragebögen, Tests oder Assessment Center. Leider können viele Klienten mit den Ergebnissen nichts anfangen und sind immer noch ratlos. Wie kann das sein?
 
Wenn man Menschen fragt, was ihre größten Stärken sind, erzählen sie einem alles Mögliche, oft aber nicht ihre Talente. Das ist verwunderlich und fatal, hat aber einen einfachen Grund: Das, was Menschen am besten können, fällt ihnen so leicht, dass sie oft nicht einmal merken, dass sie überhaupt etwas tun. Eine Klientin erzählte mir zum Beispiel, dass sie mit 18 Jahren innerhalb von zwei Wochen ein ganzes Musical getextet und komponiert hatte. Mir fiel der Kinnladen herunter – daraufhin meinte sie nur: „Jetzt schauen Sie doch nicht so, das kann doch jeder“. Ich hatte Klienten, die geborene Lehrer waren, Therapeuten, Spione oder Verkäufer. Sie alle litten unter dieser weit verbreiteten „Betriebsblindheit“. Diese ist auch die Ursache für die Grenzen der besten Tests oder Expertenurteile. Die Kunst besteht also darin, die Ergebnisse nachvollziehbar zu machen. Dafür arbeite ich mit konkreten Erlebnissen der Klienten. Diese werden gemeinsam analysiert und ausgewertet, wodurch die Entdeckung der Talente nachvollziehbar wird.
 
Nachdem Klienten ihre Fähigkeiten selbst erkennen, folgt der nächste wichtige Punkt: Nicht alles, was Menschen gut können, tun sie auch gern. Was sie aber gern machen, machen sie auch gut. Mit diesem Filter werden passende Aufgaben entwickeln. Als was sollte die Person arbeiten? Welchen Job-Titel, welche Funktion sollte sie sich suchen? Wenn die Talente so gar nicht zur Tätigkeit passen wollen, sollte man die Aufgabe wechseln.
 
2. Tätigkeitsfeld
 
Vermutlich ist die Faszination der Themen für viele Geisteswissenschaftler die Motivation für ihr Studienfach. Selbst wenn damit manche beruflichen Möglichkeiten beschränkt sind: Selten besteht eine Abneigung gegen das Fach oder Thema selbst. Dennoch gibt es Menschen, die in der falschen Branche gelandet sind.
 
Eines meiner Lieblingsbeispiele ist ein unglücklicher Softwareentwickler. Es war seine Aufgabe, betriebswirtschaftliche Software zu entwickeln, doch er hatte eine tiefe Abneigung gegen alles, was mit Betriebswirtschaft zu tun hatte. Ich fragte ihn, was er gern mochte. Zu meinem „Entsetzen“ nannte er drei exotische Themen: Er liebte Geschichte, vor allem das Mittelalter, Orgelmusik und Spiele. Offenbar hatte er ber kein Problem mit seiner Aufgabe als Softwareentwickler. Statt sich aber weiter mit Betriebswirtschaft zu quälen, entwickelt er seitdem mittelalterliche Computerspiele, für die er selbst Orgelmusik komponiert. Aus diesem Beispiel kann man zwei Schlussfolgerungen ziehen: 1. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Daher lohnt es sich zu überlegen, womit man sich gerne beschäftigen würde. 2. Manchmal genügt ein Wechsel des Tätigkeitsfelds, ohne gleich alles andere über den Haufen zu werfen.
 
3. Menschen
 
Bei der Arbeit haben die meisten mit Menschen zu tun: Chefs, Kollegen, nachgeordnete Mitarbeiter bzw. Dienstleister oder Kunden. Die Ursache für berufliche Unzufriedenheit liegt erfahrungsgemäß häufig in der menschlichen „Chemie“ begründet. Wenn diese nicht stimmt, hat das oft fatale Folgen. Im Kulturbereich findet man meiner Erfahrung nach vergleichsweise besonders häufig Idealisten, „Politiker“ oder Exzentriker. Zu den Exoten in der Branche gehören tendenziell die rationalen, besonders strukturierten, effizienzgetriebenen „Arbeiter“. Hier können Welten aufeinanderprallen.
 
Häufig sind Chefs nicht unbedingt begnadet für ihre Aufgabe. Es gibt allerdings auch Klienten, die mit jeder Autoritätsperson generell ein Problem haben. Und ich habe Klienten betreut, deren Leid die „lieben Kollegen“ waren. Es gibt auch immer wieder Menschen, die ihre „Kunden“ nicht mögen: Es ist ein Unterschied, ob sich beispielsweise ein Radiosender an Intellektuelle richtet oder an Otto Normalverbraucher. Eine Klientin, die lange erfolgreich im Kulturbereich gearbeitet hatte, fand die typischen Vertreter der Filmbranche auf Dauer so unerträglich, dass sie beschloss, der gesamten Branche den Rücken zu kehren.
 
4. Gehalt und Position
 
Für Geisteswissenschaftler spielt der finanzielle Aspekt bei der Studienwahl selten eine Rolle. Doch während zum Beispiel Lektoren oder Journalisten früher von ihren Einnahmen gut leben konnten, ist heute das Gehalt oder Honorar oft so schlecht, dass nur ein Erbe oder ein gut verdienender Partner die Ausübung des Berufs ohne persönlichen Bankrott möglich machen. Eine promovierte Lektorin rückte in einem meiner Seminare nur zögerlich damit heraus, dass sie für ihre anspruchsvolle Tätigkeit weniger als eine Putzfrau verdiente. Die schockierte Reaktion der anderen Teilnehmer aus anderen Branchen war Anlass, endgültig Abschied vom Verlagswesen zu nehmen. Sie stieg erfolgreich in eine gut dotierte Position in der Unternehmenskommunikation ein.
 
Auch die Position kann ein Problem sein. Platzhirsche sollten keine Assistenten-Tätigkeit suchen, Teamplayer keine Führungsposition. Intelligente Geisteswissenschaftler sind für anspruchsvolle Assistenzjobs sehr beliebt, in bestimmten Branchen auch gut bezahlt. Nicht für alle ist das aber eine gute Konstellation. Eine kluge und ambitionierte Klientin mit einem geisteswissenschaftlichen Studium arbeitete aus Not als Sekretärin für die Leitung eines Museums. Sie erlebte es tagtäglich als persönlichen Affront, dass sie nur „einfache Sekretariatsaufgaben“ erledigen sollte. Später verlor sie einen Job an einem Theater, bei dem sie wieder über ihre eigentliche Aufgabe hinaus mitgestalten wollte. Eine andere Klientin sah erst nach drei Kündigungen als Assistentin der Geschäftsführung ein, dass sie für ihre Chefs zu bedrohlich war. Schließlich machte sie sich selbständig.
 
5. Arbeitsbedingungen
 
Hierzu gehören zwei unterschiedliche Themen: Es gibt Menschen, deren Problem in der äußeren Umgebung des Arbeitsplatzes liegt, wenn Sie beispielsweise wegen des Lärms nicht in Großraumbüros arbeiten können, bei jeder Klimaanlage krank werden oder den Blick in einen Innenhof nicht ertragen, weil sie sprichwörtlich „Weitblick“ brauchen.
 
Spezifische Arbeitsbedingungen im engeren Sinne sind meist noch wichtiger als die unmittelbare räumliche Umgebung. Über- oder Unterforderung kann zum Beispiel einen wichtigen Unwohlfühlfaktor darstellen. Eine ambitionierte Klientin fand eine Anstellung bei ihrem vermeintlichen Traum-Arbeitgeber, einem Theater. Sie ging allerdings dort fast ein wegen des schleppenden Arbeitstempos. Weitere Faktoren können auch die Arbeitszeiten sein, lange Anfahrwege, hohe Konkurrenz, wie sie im Kulturbereich besonders häufig anzutreffen ist, starker Zeit- und Kostendruck, mangelnde Berufsaussichten, zu viel Routine und vieles mehr.
 
Zunächst gilt es, die individuellen Wohlfühl-Faktoren zu definieren. Anschließend ist es hilfreich, diese in die persönliche Reihenfolge zu bringen. Womit kann man zur Not leben, womit nicht? Häufig sind die Klienten über das Ergebnis überrascht. Es hilft ihnen aber, berufliche Optionen zu bewerten und die richtigen Prioritäten zu setzen.
 
Die Faktoren „Menschen“ und „Arbeitsbedingungen“ sind übrigens die häufigsten Ursachen für Unglück im Job. Nach internationalen Untersuchungen sind sie für 80 Prozent der Entlassungen oder Kündigungen verantwortlich.
 
6. Werte
 
Die Bedeutung, die man dem Thema Arbeit für die eigene Zufriedenheit einräumt, ist subjektiv. Der Anspruch an die Arbeit für das persönliche Glück hat sich aber deutlich erhöht. Wer kennt nicht begeisterte Kunsthistoriker, Literaten, Schauspieler, Politiker, Filmemacher? Geisteswissenschaftler und Menschen aus dem Kulturbereich sind tendenziell Idealisten. Daher spielen Werte in dieser Berufsgruppe oft eine besondere Rolle, sind allerdings auch volatil. Eine meiner Klientinnen kündigte ihre Stelle in einer renommierten Stiftung, nachdem sie festgestellt hatte, dass es bei ihrer Arbeit primär um das Renommee des Stifters ging und nicht um die inhaltliche Arbeit. Eine andere verlor ihren Job, nachdem sie versucht hatte, unlautere Machenschaften bei einem Orchester aufzudecken.
 
7. Zentrales Motiv
 
Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, warum Menschen am Abend zufrieden von der Arbeit nach Hause gehen. Manche freuen sich, dass sie jemandem geholfen haben, anderen ist es eine Genugtuung, dass sie scheinbar Unmögliches möglich gemacht haben. Und wieder anderen, dass sie viel Umsatz gemacht haben. Die Klienten, die besonders unglücklich sind, werden meiner Erfahrung nach oft zutiefst in ihrem zentralen Motiv verletzt oder müssen sogar dagegen verstoßen. Doch es ist gar nicht so einfach, diese Motive herauszufinden. Bei manchen Klienten besteht die Herausforderung über die eigentliche berufliche Standortbestimmung hinaus darin, erst einmal ihr „wahres Wesen“ zu finden.
 
Fazit
 
Viele Menschen sind beruflich unzufrieden und denken an einen grundlegenden Wechsel ihrer Karriere. Eine differenzierte Analyse der Gründe für die Unzufriedenheit hilft, den wirklichen Veränderungsbedarf klarer zu definieren. Nur wenige Menschen sind bei genauer Betrachtung wirklich im völlig falschen Beruf gelandet. Statt das Kind mit dem Bade auszuschütten, kann man zunächst versuchen, überschaubare Lösungen zu finden und die entscheidenden Punkte zum Positiven zu wenden. Ein wirklicher Karrierewechsel sollte vor allem dann in Betracht gezogen werden, wenn das Problem strukturell bedingt ist. Manche Berufe haben sich so gewandelt, dass sie mit den ursprünglichen Vorstellungen in der Tat nichts mehr gemeinsam haben.