07.08.2014

Autor*in

Claudia Frey
Kommentar

Zum Sehen und Staunen verführen. Über die visuellen Komponenten von gelungenen Ausstellungen

Mit dem Buch Müde Museen von Daniel Tyradellis ist die Diskussion um die inhaltliche Konzeption von Ausstellungen neu entflammt. Museen sollten ihre Aufgabe nicht mehr nur im Sammeln und Bewahren sehen, sondern im Vermitteln an eine breitere Schicht der Bevölkerung. Jede Ausstellung sollte der Kern eines Gesamtkonzepts sein, das den Besucher aktiv einbindet. Doch stehen dabei Objekte oder Inhalte im Mittelpunkt? Claudia Frey zeigt im Folgenden grundlegende Aspekte der Ausstellungsgestaltung auf, die für beide Herangehensweisen gelten sollten.
Museen gehören zu den erfolgreichsten und dynamischsten Medien der Informationsgesellschaft.1

Die Präsentation selbst wird keineswegs nur visuell wahrgenommen, sondern spricht oft alle Sinne an. Allein das körperliche Eintauchen in einen historischen Raum oder eine inszenierte Themenwelt ist bereits eine ganzheitlich sinnliche Erfahrung. Um eine Aussage darüber zu treffen, was dies für die Gestaltung von Ausstellungen bedeutet, ist eine differenziertere Betrachtung notwendig: Die Ausstellung ist eine Einrichtung, bei der es um Gegenstände geht, die gewerblicher, künstlerischer oder wissenschaftlicher Natur sind. Unter Gegenständen können sowohl Dinge als auch Sachverhalte verstanden werden.2 Die Bandbreite reicht von Brandspaces, Messeauftritten und Markenmuseen über Themenausstellungen bis hin zu klassischen Dauerausstellungen musealer Sammlungen. Demnach können die Rahmenbedingungen, unter welchen eine Ausstellung gestaltet wird stark variieren.

Einer der wichtigsten Parameter ist der inhaltliche Kontext: historisch, naturkundlich, naturwissenschaftlich, archäologisch etc. Die Frage nach dem, was gesagt und gezeigt werden soll, steht grundsätzlich vor der Frage, wie es gezeigt wird.3 Eine kunstgeschichtliche Ausstellung wie auch eine klassische Kunstausstellung stellen meist die präsentierten Originale in den Vordergrund. Informationen fügen sich meist optisch sehr zurückhaltend ein, oder sie werden durch einen Audioguide auditiv vermittelt, um die visuelle Wirkung der Exponate nicht zu beeinflussen. Eine andere Rolle spielen Exponate in historischen und wissenschaftlichen Ausstellungen, wo sie als Beleg und Zeuge die Darstellung einer Thematik unterstützen. Die Objekte können hier zurückhaltend bei einem präsentierten Themenkontext stehen. Wichtig wird die thematische Vermittlung. Ist das Original zusätzlich entsprechend wirkungsvoll präsentiert, verweist seine auratische Erscheinung auf die reale Existenz des historischen Ereignisses oder des Sachverhalts. Genauso können ganze Objektgruppen im Themenkontext inszeniert sein.

Die Gestaltung bedient sich oft einer visuellen Leitidee, die das Thema in der gesamten Erscheinung eines Ausstellungsraums oder -bereichs bereits assoziieren lässt. Dies kann auch ganz ohne Exponate möglich sein, beispielsweise in einem Raum, der als Prolog zu einem Thema nur Zitate zeigt, die zum Nachdenken anregen. Die Form der Darstellung und Präsentation ist jedoch auch sehr abhängig von Raum und Ort, wo die Ausstellung stattfindet. Wo in einem historischen Gebäude, das selbst Exponat ist, nur mit Respekt zur Bausubstanz gestaltet werden kann, lässt ein neutraler, großer Wechselausstellungsraum mit flexibler Beleuchtung und Klimatechnik der gestalterischen Präsentation und Inszenierung sehr viel Spielraum. Als begehbare Bühne kann die Raumfolge entsprechend der Narration des Themas gestaltet werden. Die Dramaturgie bewusst gesetzter Blickpunkte und der Wechsel gezielt geschaffener räumlicher Atmosphären lenkt die Sehweise des Betrachters und konditioniert seine Wahrnehmung innerhalb des Ausstellungsrundgangs. Wesentlich unterstützt wir dies durch eine gekonnt gesetzte Beleuchtung von Raum, Information und Exponat.

Neben der Raumstruktur sind auch die verschiedenen Vermittlungsebenen wichtig, durch die dem Betrachter ein Thema näher gebracht und sein Interesse geweckt wird. Diese sind eben nicht nur visuell und textlich, sondern auch auditiv, audiovisuell oder interaktiv. Bereits in der Konzeptphase ist es von Vorteil Kuratoren und Autoren für den passenden Einsatz verschiedener Medien zu sensibilisieren. Hinzu kommen Experimente und Spiele für Mitmach- und Kinderausstellungen, die Teil des museumspädagogischen Programms werden. Die Frage, für wen die Ausstellung gestaltet wird, ist zentral. Bei der Vielfältigkeit von Ausstellungen und Museen wird klar, dass jede Aufgabenstellung ihre eigene angemessene Lösung verdient und dass das Museum ein Ort der Erkenntnis, der Aktualität, Authentizität, Kommunikation und Interaktion ist, aber eben auch ein Ort der Kontemplation und des Staunens.4

1 Gottfried Korff: Sechs Emdener Thesen zur Rolle des Museum in der Informationsgesellschaft, in: Museumskunde, Bd. 73, 2 , 2008, 19.
2 Aurelia Bertron, Ulrich Schwarz, Claudia Frey: Projektfeld Ausstellung eine Typologie für Ausstellungsgestalter, Architekten und Museologen, Birkhäuser, 2012.
3 ebd.
4Aurelia Bertron, Ulrich Schwarz, Claudia Frey: Projektfeld Ausstellung eine Typologie für Ausstellungsgestalter, Architekten und Museologen, Birkhäuser, 2012.

PROF. CLAUDIA FREY ist seit 2000 geschäftsführende Gesellschafterin des Büros für Museografie und Ausstellungsgestaltung Bertron Schwarz Frey. Seit 2010 ist sie Professorin für Visuelle Gestaltung im Raum an der Fakultät Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.

Dieser Beitrag erschien zuerst im KM Magazin Februar 2013

Unsere Rezension zu "Müde Museen" von D. Tyradellis können Sie hier nachlesen.
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