07.11.2018

Autor*in

Anja Schwarzer
studierte in Halle und Sarajevo Interkulturelle Europa- und Amerikastudien sowie das Fernstudium Betriebswirtschaftslehre der FernUni Hagen. Unter anderem betreute sie als wissenschaftliche Assistenz die Beratung der Arbeitsgruppe Kulturkonzept der Landeshauptstadt Erfurt. Derzeit studiert sie den Master CrossMedia an der FH Magdeburg-Stendal.
Rückblick auf das stARTcamp+ 2018 in Hamburg

Kultur in Interaktion – Co-Creation im Kultursektor

Die Digitalisierung lässt Grenzen zwischen Kultur-ProduzentIn und -KonsumentIn verschwimmen und funktioniert somit auch als Katalysator für Co-Creation. Aber ab und zu kommt es dabei zu Störungen zwischen Sender und Empfänger, z.B. wenn beide Seiten gar nicht fähig oder willens sind, ko-kreative Prozesse zuzulassen. Wie Kultureinrichtungen damit umgehen können, diskutierte das stARTcamp am 21. September 2018 in Hamburg.
Co-Creation, das bedeutet, alle Beteiligten können Kultur und das Kulturerlebnis aktiv mitgestalten und -entwickeln. Das wirft für den angebotsorientierten Kultursektor viele Fragen auf: Wie wird diese Entwicklung unser Verständnis von Kultur, das Kulturangebot und die Kulturkommunikation verändern? Welche neuen Formate und Formen entstehen? Wie verändert es die Städte und Kontexte, in denen wir leben und arbeiten?

Mit dem zweiten stARTCamp (#schh18) in Hamburg boten die VeranstalterInnen - das eCultureLab@HCU der HafenCity Universität, das Archäologische Museum Hamburg und der stARTconference e.V. - den Teilnehmenden einen würdigen Nachfolger der erfolgreichen ersten Ausgabe. Kamen im letzten Jahr bereits 50 Interessierte nach Hamburg, knackte die Teilnehmerzahl dieses Jahr die Hundertermarke und erschöpfte das geplante Kontingent. Das bekannte Format des BarCamps wurde in diesem Jahr außerdem etwas umgewandelt und bestand neben spontan vor Ort entstehenden Sessions einiger Teilnehmenden zu einem weiteren Teil aus bereits vorher geplanten Impulsreferaten und Vorträgen.

Die Räume der Hafen City Universität eignen sich prinzipiell gut für eine Konferenz, aber ließen durch die moderne Architektur und der kahlen Einrichtung etwas von der familiären Atmosphäre vermissen, die ein BarCamp und insbesondere die stARTCamps so besonders machen. Dennoch wäre andernfalls eine Führung durch das CityScience Lab so unkompliziert wohl nicht möglich gewesen. Denn dieses ist mit Projekten im Bereich Smart Cities und PartnerInnen aus der Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft breit aufgestellt, um Veränderung von Städten im Kontext der Digitalisierung zu erforschen und Wege zu finden, wie Städte in Zukunft gesünder, lebenswerter und leistungsfähiger gestaltet werden können. Wie das mit dem Kulturbetrieb zusammenhängt? Die Verantwortlichen (u.a. der Vortragende Jens Bley, eCultureLab@HCU) sagten dazu ganz klar: Smart Cities geht nicht ohne Smart Culture, und unterstrichen diese Einschätzung mit Beispielen aus ihrer aktuellen Arbeit in Hamburg.

Co-Creation spart keine Zeit – im Gegenteil

Der Tag startete mit dem klassischen Konferenzteil. Obwohl klassisch nicht ganz richtig ist, denn vor allem Kathrin Passig brach in ihrer Keynote „Keine Zeit für Neues! Das Alte ist schon mühsam genug!“ mit Konventionen. Nicht nur der Titel, sondern auch ihr Geständnis zum gescheiterten Versuch, ihren Vortrag mit Praxisbeispielen und nutzbaren Vorschlägen zu beenden, waren erfrischend ehrlich. Sie beschäftigte sich mit der Frage, warum es generell aber auch in Bezug auf Partizipation und die Einbindung von User Generated Content, so viel einfacher ist, das Alte beizubehalten als etwas Neues anzugehen, und stellte fest: Co-Creation spart keine Zeit. Gewohnheiten zu ändern ist mühsam und zeitraubend und gerade ko-kreative Prozesse in Gang zu bringen, ist zeitaufwendig, wenn kompetente Betreuung gewährleistet werden soll. Kathrin Passig selbst sieht in Automatisierungen und dem Offensein für Unfertiges und Unvollkommenes die Möglichkeit, Spielraum für Co-Creation zu schaffen. Entsprechend beendete sie ihren Kurzvortrag mit dem Aufruf: „Schafft Benchmarks dafür, wie man Zeit für partizipative Prozesse aufbringen kann - und dann schreibt es auf und teilt es!“ Denn ihr Scheitern bei der Suche nach Beispielen war nicht zu wenig Zeit oder Engagement geschuldet, sondern vor allem der Tatsache, dass sie einfach keine gefunden hat!

Mit Hilfe von Best Practice Beispielen aus der zeitgenössischen Performanceszene gab der darauffolgende Vortrag von Susanne Schuster einen faszinierenden Einblick in die Möglichkeiten digitaler Erzählstrategien und Software im Bereich Theater. Als herausragendes Bespiele für diese spezielle Form von Co-Creation und Bühne ist u.a. die Performance-Gruppe machina eX zu nennen, die spielbare Theaterstücke entwickeln, die zugleich begehbare Computerspiele sind (Real Life Game Theater).

Den Fokus schärfen

Der wesentliche Teil eines BarCamps – Sessions, die zu Beginn erklärt und auf Interesse abgeklopft werden – verteilte sich auf 4 Seminarräume und einen Hörsaal. Dabei bedingt das Format, das im Vorfeld kein festes Thema festgelegt werden soll – schließlich geht es darum, brandaktuelle Fragen und Ansätze zu besprechen. Laut Sessionplan hatte in Hamburg trotzdem ein Track den Anspruch, besonders auf das Hauptthema einzugehen. Was wie eine unnötige, frühe Reduktion wirkt, ergab jedoch absolut Sinn, denn der rote Faden wäre sonst nur mühsam zu erkennen, geschweige denn zu folgen gewesen - und das war scheinbar auch den InitiatorInnen bewusst.

Insgesamt waren sich die ReferentInnen und Teilnehmenden einig: Themen rund um Digitalisierung, Audience Development und Kulturvermittlung dürfen auch 2018 auf keinem Kultur-BarCamp fehlen. Eine hohe Überschneidungsrate mit dem Grundgedanken dieses BarCamps, war daher eher selten zu erkennen, es zeigt aber auch, dass diese Thematiken aktuell in vielen Kulturbetrieben noch immer sehr unscharf behandelt werden – trotz inzwischen zahlreicher Best Practices, Anleitungen oder auch Tagungen. Und so streiften Case Studies zu User Experience Design oder Chatbots nur den Rand dieses interessanten Gebiets und verpufften mitunter leider zu Werbeveranstaltungen anstatt lösungsorientiertem Austauschforen für Co-Creation. Hier wären mehr Vorträge, wie der vom Mit-Initiator Christian Holst zu „Kulturtempeln als Selbstbedienungsläden - Über die (Un)Möglichkeit, ko-kreative Prozesse zu managen“, wünschenswert gewesen. So gab Holst neben „echten“ Beispielen für Co-Creation (wie der berühmt berüchtigte #Bayreuthfake von Musik - mit allem und viel scharf) auch einen Einblick in die Managementtheorie zum agilen Unternehmertum im Kulturbetrieb. Co-Creation als Managementansatz gab es bereits vor der Digitalisierung und meint den Arbeitsschritt, bei dem Kunden in den Prozess der Produkterstellung oder Produktgestaltung mit einbezogen werden (z.B. IKEA, vgl. Gabler Wirtschaftslexikon). Co-Creation im Kulturbetrieb bedeutet dann folgerichtig, dass Nutzer oder Besucher ein Teil der Wertschöpfungskette werden und geht somit einen Schritt weg von der vorherrschenden Angebotsorientierung im Kultursektor.

Fazit

Ein facettenreiches Thema, das sehr viel Spielraum gibt, um einen Dialog zu starten. Das stARTCamp in Hamburg bot einen guten Ankerpunkt, um der Thematik mehr Tiefgang zu geben. Und man fragt sich zurecht, wenn nicht ein BarCamp zum Thema Co-Creation, was dann!?

P.S. Eine sehr spannende Session habe ich leider verpasst. Ich habe nur Gutes vom spontanen Zusammenspiel von Christian Henner-Fehr und Frank Tentler gehört, die sich gemeinsam mit den Teilnehmer mit der Frage beschäftigt haben: „Wie sag ich es meinem/meiner Chef/Chefin?“ Falls einer der dort Anwesenden den Nachbericht liest - wir freuen uns über Kommentare und vielleicht schon Erfahrungen auf Facebook.