22.05.2017

Themenreihe Festivalmanagement

Autor*in

Martin Bardy
absolvierte das Studium "Crowd Safety Management" der Buckinghamshire University (UK). Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrgangsleiter an der Donau-Universität Krems sowie selbständiger Sicherheitsexperte für Veranstaltungen.
Sicherheitskonzepte für Festivals

Inhalte, Maßnahmen und Irrtümer

"Sicherheit hat oberste Priorität." Diese Aussage von FestivalbetreiberInnen ist zwar gut gemeint, entspricht jedoch nicht immer der Realität. In der Praxis zeigen sich oft erhebliche Mängel, beginnend bei planerischen Tätigkeiten bis hin zur Bereitstellung notwendiger monetärer Mittel für die Sicherheit.
Gesetzliche Vorgaben und Auflagen von Behörden bilden eine gewisse Basis für Sicherheitsmaßnahmen bei Festivals. Jedoch sind diese Maßnahmen nur das Mindestmaß für die einzuhaltende Sorgfalt und ihre Einhaltung gewährleistet weder die größtmögliche Sicherheit noch befreit sie VeranstalterInnen im Schadensfall von (zivilrechtlichen) Haftungen. Deshalb ist es notwendig, Risiken im Vorhinein abzuschätzen und Notfallpläne für diverse Szenarien auszuarbeiten, die das Ziel haben, bei Schadensereignissen schnell und richtig zu reagieren.
Von der Risikoidentifikation zur Risikobewältigung
Die Risiken, die mit einem Festival einhergehen können, sind mannigfaltig. So müssen metereologische, infrastrukturelle, technische, organisatorische und verkehrstechnische Gefahrenquellen ebenso berücksichtigt werden wie jene Risiken, die aus dem BesucherInnenverhalten resultieren. Um die Sicherheit aller Personen bestmöglich zu gewährleisten, ist eine holistische Risikoidentifikation, basierend auf den definierten Schutzzielen, durchzuführen. Denn nur identifizierte Risiken können analysiert, bewertet und mit einer entsprechenden Bewältigungsstrategie versehen werden.
Abbildung 1: Risikomanagement-Prozess
Die Risikoidentifikation dient dem Ziel, Risiken zu finden, zu erkennen und zu beschreiben. Hierbei werden auch dynamische Risiken berücksichtigt, die aus Personenströmen während der drei Veranstaltungsphasen (Einlass, Zirkulation, Abstrom) resultieren. Zur Identifikation werden verschiedenen Kollektions- und/oder analytischen Suchverfahren herangezogen.
Jedes identifizierte Risiko wird im Zuge der Analyse mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit und einem Schadenausmaß bewertet. Jedoch ist zu beachten, dass nicht für alle Risiken belastbares Zahlenmaterial vorliegt. Während für wettertechnische Risiken statistische Daten herangezogen werden können, stellt sich die Situation für spezifische Veranstaltungsrisiken anders dar. So ist es z.B. schwierig, das Risiko "hoher Druck vor der Bühne" mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit zu bewerten. Es ist daher erforderlich, auf professionelle PlanerInnen zurückzugreifen, die die Risiken in einem ähnlichen Veranstaltungsumfeld beobachten und eine entsprechende Bewertung durchführen können.
Das Produkt aus der Eintrittswahrscheinlichkeit und dem Schadensausmaß ergibt die Risikohöhe. Diese wird den vorab definierten Toleranzgrenzen gegenübergestellt. In der Praxis erfolgt dies über die Darstellung an Hand einer Risikomatrix.
Abbildung 2: Risikomatrix
Sofern sich ein Risiko im roten Bereich befindet, muss dieses reduziert werden. Ist dies nicht möglich, gilt als einzig mögliche Bewältigungsstrategie, die entsprechende Aktivität nicht durchzuführen. Risiken im gelben Bereich bedürfen einer Maßnahmenentwicklung, -implementierung und überwachung, um entweder die Eintrittswahrscheinlichkeit oder das Schadenausmaß zu reduzieren. Risiken im grünen Bereich können von den VeranstalterInnen akzeptiert werden.
Abbildung 3: Reduktion der Eintrittswahrschelichkeit und des Schadenausmaßes
Maßnahmen zur Reduktion der Eintrittswahrscheinlichkeit finden Einzug in das Sicherheitskonzept. Für manche Risiken ist das jedoch nicht möglich (z.B. hohe Windgeschwindigkeit über 100 km/h), weshalb Maßnahmen zur Reduktion des Schadenausmaßes zu entwickeln sind. Sie finden sich in den Notfall- oder Krisenplänen wieder. Im Mittelpunkt stehen hierbei die Alarmierung sowie das strukturierte und prozessorientierte Arbeiten des Notfall- bzw. Krisenmanagements.
Bei dem aktuell in den Fokus gerückten Thema "Terrorbedrohung" bei Veranstaltungen ist etwa das Schadensausmaß sehr groß, die Eintrittswahrscheinlichkeit (für die Mehrheit der Veranstaltungen) aber äußerst gering. Darüber hinaus kann ein gut geplanter Angriff nur sehr schwer bis gar nicht verhindert werden. Aus diesem Grund gehört die Bewältigung von Angriffen auf eine Veranstaltung hauptsächlich zum Notfall- und Krisenmanagement.
In den letzten 10 Jahren sind jedoch mehr Personen bei Veranstaltungen durch fehlerhaft geplante und gelenkte Personenströme zu Schaden gekommen als durch "Terrorangriffe". Da solche Vorfälle jedoch oft nur ein geringfügiges mediales Interesse hervorrufen, erfahren nur interessierte Kreise von diesen Begebenheiten und ihren Ursachen. Für die Risikoanalyse und die Implementierung von Maßnahmen zur Reduktion der Eintrittswahrscheinlichkeit derartiger Vorfälle ist deshalb fundiertes Crowd Management-Wissen notwendig.
Crowd Management als Bestandteil der Festivalsicherheit
Unter Crowd Management ist "die systematische Planung für, und Überwachung von, geordneten Bewegungen und Ansammlungen von Menschen" (Fruin 1993) zu verstehen. Crowd Management befasst sich also mit der Bewertung von zur Verfügung stehenden Flächen, statischem und dynamischem Platzbedarf von Personen, Fortbewegungsgeschwindigkeiten, Informationsaufbereitung usw. So besteht z.B. ein fundamentaler Zusammenhang zwischen Gehgeschwindigkeit, Personendichte und Durchflussraten.
Abbildung 4: Durchflussmenge
Abbildung 4 stellt die Durchflussmenge bei unterschiedlichen Alterskohorten auf einer ebenen Fläche dar. Bei allen Altersgruppen wird die maximale Durchflussmenge bei ca. 2 Personen pro Quadratmeter erreicht und nimmt ab dann sukzessive ab. Obige Werte werden unterliegen dabei zahlreichen Einflussfaktoren (Geschlecht, Alter, Größe, Steigung, Gefälle, Bodenbeschaffenheit, Beleuchtung, etc.). Für die Planung von Festivals darf lt. EN 13200: 2014-07 mit einem maximalen Durchflusswert von 82 Personen pro Meter und Minute gerechnet werden (Gesetzgebungen können strengere Werte vorsehen).
Evakuierungskonzepte und falsche Annahmen über das Verhalten von Menschen
Kein Festival sollte ohne ein gut durchdachtes und im Voraus geplantes Räumungs- und Evakuierungskonzept durchgeführt werden. Im Notfall ist Zeit die kritische Dimension, weshalb darauf besonders Bedacht gelegt werden sollte. Oftmals verlässt man sich auf ausreichende Fluchtwegsbreiten und vernachlässigt weitere wichtiger Einflussfaktoren. Einer hiervon ist die adäquate Information der BesucherInnen, da die richtige Art der Informationsweitergabe maßgeblichen Einfluss auf deren Reaktionszeit hat.
Jede Evakuierung kann grob in zwei Phasen unterteilt werden: die Prä-Evakuierungsphase und die eigentliche Bewegungsphase (die mit obigen Werten berechnet werden kann). In der Prä-Evakuierungsphase suchen die betroffenen Personen nach Informationen und entscheiden über die zu treffenden Maßnahmen (Reaktionszeit). Sobald sie sich dazu entschieden haben, die Örtlichkeit zu verlassen, beginnt die Bewegungsphase (Kinateder et al. 2015).
Viele VeranstalterInnen glauben fälschlicherweise an die Existenz von leicht entstehender Panik bzw. Massenpanik. Daher werden Warnungen oftmals verzögert oder fiktive Gründe erfunden, warum die Personen das Areal verlassen sollten, wie z.B. technische Störungen. Mehrere Studien (siehe Literatur unten zur Tragödie bei der Love Parade Duisburg, den Terroranschlägen in London oder der Evakuierung des World Trade Centers) zeigen jedoch ein gänzlich anderes Bild der Verhaltensweisen von Menschen in lebensbedrohlichen Situationen: Panik konnte nur in einem sehr geringen Ausmaß (< 1 %) festgestellt werden. Die überwiegende Mehrheit zeigte ein strukturiertes, organisiertes und hilfsbereites Handeln. Menschen tendieren in einer Gefahrensituationen oftmals sogar dazu, zu wenig Angst zu zeigen und die Bedrohung nicht zu realisieren.
Wenn also die betroffenen Personen aufgrund einer falschen bzw. schlechten Alarmierung die Warnmeldung nicht wahrnehmen, verstehen, als real identifizieren, auf sich beziehen oder relevant einstufen, wird die gewünschte Reaktion (das Areal zu verlassen) ausbleiben. Ein Evakuierungsexperiment in einer Londoner U-Bahn-Station (Proulx & Sime, 1991) zeigte z.B., dass eine Alarmglocke gänzlich unzureichend ist und niemand darauf reagierte. Die Verwendung eines Lautsprechersystems mit richtigem Informationsinhalt (d.h. inklusive Gefahrenhinweis) und Wording hingegen zeigte sich in demselben Setting als ausgesprochen effizient.
Durch eine falsch eingeleitete Evakuierung geht unter Umständen überlebenswichtige Zeit verloren. Je später Menschen flüchten, desto weniger Zeit verbleibt für die eigentliche Bewegungsphase. Dadurch kann hoher, potentiell gefährlicher Druck an den Ausgängen entstehen und die Durchflussrate sinkt rapide. Der Druck der nachkommenden Personen verdichtet die Personen innerhalb der Engstelle zusätzlich, sodass es zu einer weiteren Absenkung des Durchflusses bis hin zur gänzlichen Verstopfung des Ausganges kommen kann .
Die Wahl des richtigen Kommunikationsmittels mit dem richtigen Informationsgehalt verkürzt also die Reaktionszeit und ermöglicht eine schnellere Evakuierung. Diese Maßnahmen können jedoch nicht Ad-hoc organisiert, sondern müssen bereits im Vorfeld entsprechend durchdacht und geplant werden.
Zusammenfassung
Um eine möglichst hohe Sicherheit für BesucherInnen von Festivals zu gewährleisten, bedarf es eines systematischen Risiko-Management-Prozesses. Als Grundlage dafür können die Normen DIN ISO 31000 und dessen Umsetzung ONR 49000, EN 13200 Teil 1-7 (speziell für Zuschaueranlagen) sowie, ONR 4900-1, ONR 49002-2 und -3 (Leitfaden für das Notfall-, Krisen- und Kontinuitätsmanagement) genutzt werden.
Auf Basis einer professionellen Risikobeurteilung ergeben sich dann Bewältigungsstrategien zur Reduktion der Eintrittswahrscheinlichkeit oder des Schadenausmaßes. Sie resultieren in einem Sicherheitskonzept und in Notfall- bzw. Krisenplänen. Ist adäquates Wissen (ohne falsche Annahmen über das Verhalten von Menschen in Notfällen) die Basis für die Erstellung eines Sicherheits-, Räumungs- und Evakuierungskonzeptes, steht einem erfolgreichen Festival nichts mehr im Weg.
Literatur
  • Blake, S.J., Galea, E.R., Westeng, H. & Dixon, A.J.P., 2004. An analysis of human behaviour during the World Trade Center disaster of 11 September 2001 based on published survivor accounts. In: Proceedings of Third International Symposium on Human Behaviour in Fire. Belfast, 2004.
  • Fruin, J., 1993. The Causes And Prevention Of Crowd Disasters. London: Elsevier Science Publishers B.B.
  • Drury, J., Cocking, C. & Reicher, S., 2009. Everyone for themselves? A comparative study of crowd solidarity among emergency survivors. British Journal of Social Psychology, 487506.
  • Helbing, D. & Mukerji, P., 2011. Crowd Disasters as Systemic Failures: Analysis of the Love Parade Disaster. ETH Zürich.
  • Kinateder, M.T., Kuligowski, E.D., Reneke, P.A. & Peacock, R.D., 2015. Risk perception in fire evacuation behavior revisited: definitions, related concepts, and empirical evidence. Springer Link.
  • Proulx, G. & Sime, J.D., 1991. To prevent 'panic' in an underground emergency: why not tell people the truth? International Association for Fire Safety Science, 843852.