15.03.2019

Autor*in

Christina Vossler-Wolf
studierte Mittelalterarchäologie und Geschichte an der Universität Tübingen und promovierte über das ehemalige Zisterzienserkloster Bebenhausen. Mehrere Jahre war sie im dortigen Museum für die Kulturvermittlung zuständig. Zugleich arbeitet sie seit vielen Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Tübingen zum kulturellen Erbe mittelalterlicher Klöster und zu Genderfragen. Spezifische Themen des Kulturmanagements vertieft sie derzeit im berufsbegleitenden Kontaktstudium an der PH Ludwigsburg.
Buchrezension

Gender_Kultur_Management. Relatedness in und zwischen Wissenschaft und Kunst

Interdisziplinäre Vernetzung und Verbindungen sind die Grundlage für die Entwicklung neuer Ideen. Dem scheint die strenge Trennung der wissenschaftlichen Disziplinen konträr entgegen zu stehen. Dass aber gerade Wissenschaft und Kunst eng miteinander vernetzt sind, zeigt der Sammelband "Gender_Kultur_Management".
 
Hinter dem schlagwortstarken Titel, 2017 bei transcript erschienen, verbergen sich die von Doris Ingrisch, Franz-Otto Hofecker und Beate Flath herausgegebenen Beiträge eines Symposiums, das im September 2015 am Wiener Institut für Kulturmanagement und Gender Studies (IKM) stattfand. Dabei widmeten sich 14 WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen  aus unterschiedlichen Fachrichtungen kommend "Fragen nach der Art und Weise, wie wir (die) Welt wahrnehmen und welchen Sinn […] wir ihr zuschreiben" (S. 9). Um dies zu erkennen, beleuchten sie die "Relatedness" - die Qualität und Beschaffenheit von Verbindungslinien zwischen ihren Disziplinen - indem sie innerhalb und zwischen den einzelnen Beiträgen unterschiedliche Ausprägungen des Aufeinander-bezogen-Seins ausloten und reflektieren.

Das Buch bewegt sich damit im Rahmen hochaktueller Forschungsthemen, die derzeit in vielen Wissenschaftszweigen diskutiert werden: Die Schlagwörter hierbei sind Inter- und Transdisziplinarität, Prozesse, Kommunikation, Beziehungen und Gender. Interessant ist an diesem Buch jedoch die ausdrückliche Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst, die dem IKM selbst innewohnt. Fast alle der AutorInnen sind als Lehrende eng mit dem Institut oder der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) verbunden, an der dieses angesiedelt ist. Trotzdem ist der jeweilige Zugang zum Thema sehr unterschiedlich - was zweifellos den Reiz des Symposiums damals und auch des Buches heute ausmacht. Denn nur in dem Bestreben, aus unterschiedlichen Perspektiven gleiche Begrifflichkeiten zu diskutieren und in einen Kontext zu stellen, kann Inter- und Transdisziplinarität gelingen und zu neuen Erkenntnissen führen.

Vielfalt der Fächer: Beziehung durch Kunst

Diese Transdisziplinarität wird schon darin deutlich, dass etliche der Beiträge von je zwei oder drei AutorInnen unterschiedlicher Fachrichtungen stammen. So nähern sich Doris Ingrisch (Historikerin) und Beate Flath (Musikwissenschaftlerin) der Qualität von Beziehungen auf akustischem Wege an. In Hörexperimenten von Alltagsgeräuschen ihres Instituts tritt der Hörende in eine Beziehung zu sich und seiner Umgebung und erlebt dabei Nähe und Distanz, Gewohntes und Neues (https://www.mdw.ac.at/ikm/calls-for-beyond).  Eine visuelle Umsetzung von Beziehungen zeigen Katharina Pfennigstorf (Heilpädagogin) und Renald Deppe (Künstler) anhand dreier grafischer Abbildungen, mit denen sie Verflechtungen darstellen, die das transdisziplinäre Zusammenarbeiten im Kulturmanagement widerspiegeln. Eine intellektuelle Reflexion über Beziehungen in Denkprozessen strebt Doris Ingrisch gemeinsam mit der Choreographin Katharina Weinhuber an und erkennen dabei, dass allem Tun etwas Prozesshaftes innewohnt, das letztlich immer das "Wie" des Miteinanders - und damit das Beziehungshafte - bestimmt.

Den Blickwinkel aus Theatersicht vertritt der Dramaturg Gin Müller, indem er die Frage diskutiert, wie performative Theaterpraktiken auf gesellschaftliche Normen Einfluss nehmen und politischen Aktivismus entwickeln können. Besonders kritisch sieht er die im Theater historisch tradierten und lange gepflegten Geschlechtertraditionen. Hier kommt seiner Meinung nach dem Theater eine wichtige Aufgabe zu, indem es diese traditionellen Muster aktiv aufbricht und durch entsprechende Performance, z.B. queere Formen des Humors und der Komik, Diskurse über Sexismus, Rassismus und Klassismus anregt. In Zeiten von MeToo-Debatten ist dies eine hochaktuelle Thematik.

Vielfalt der Fächer: Beziehung durch Struktur

Diesen künstlerischen Zugängen zum Thema stehen konkret wissenschaftlich und strukturell ausgerichtete Beiträge gegenüber. Beispielsweise stellt Ada Pellert die zentralen Begriffe der Tagung - management*gender*culture - in den Kontext universitärer Organisationsstrukturen. Zudem grenzt sie das Management im Kultursektor von anderen Bereichen ab und postuliert die Entwicklung eigener, adäquater Modelle der Organisationsstruktur unter Berücksichtigung der Gender-Frage, um den spezifischen Bedürfnissen im Kulturbereich gerecht zu werden.  In der bisherigen Kulturmanagement-Forschung stand vor allem die künstlerische Freiheit als spezifische Anforderung an Kultureinrichtungen im Mittelpunkt. Als wesentliche Bereicherung dieses Diskurses verdeutlicht Pellert, wie wichtig es gerade im stark weiblichen, aber in der Spitze von Männern dominierten Kulturbereich ist, dass beide Geschlechter gleichermaßen berufliche Chancen bekommen.

Auch der Vorstand des IKM, Franz-Otto Hofecker, betont die Bedeutung einer hohen Dialogbereitschaft, um Fächergrenzen und ihre Denkstrukturen überwinden und sich auf neue wissenschaftliche und strukturelle Beziehungen einlassen zu können. Sein Institut sieht daher eine zentrale Aufgabe darin, Nachwuchskräfte auszubilden, die transdisziplinär denken, handeln und kommunizieren. In der hierfür entwickelten Kulturbetriebslehre, die nur als PhD-Studium angelegt ist, kommen Menschen aus sehr unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen, Inhalte sowohl aus geistes- und kulturwissenschaften als auch aus betriebswirtschaftlichen Fächern werden gelehrt. Der Praxisbezug der PhD-Projekte gewährleistet eine ständige Rückkopplung von Theorie und Praxis. Diese enge Verbindung fördert problemorientiertes Handeln und leistet damit einen wesentlichen Beitrag für die gesellschaftliche Entwicklung.

Wie die Etablierung von Gender Studies an der mdw konkret umgesetzt wurde, stellt Claudia Walkensteiner-Preschl vor. Die bereits vereinzelten Forschungen zu Geschlechterthemen wurden dafür schon vor über zehn Jahren systematisiert, institutionalisiert und gebündelt. Seitdem haben das Thema und die Notwendigkeit der institutionellen Verankerung nichts an Aktualität verloren und sind nach wie vor nicht selbstverständlich. Schon von Anfang an wird hierbei deutlich, dass Gender-Themen inhaltlich und konzeptionell weit über"Frauen-Themen" hinausreichen.

Ebenso findet die finanzielle Perspektive der Kulturförderung in diesem Tagungsband ihren Platz. Michael Getzner zeigt am Beispiel der österreichischen Kulturpolitik und -finanzierung auf, dass die Akzeptanz hierfür gesellschaftlich weitgehend verankert ist, obwohl es sich dabei um ein Minderheitenprogramm handelt. Die Erklärung sieht er in einer unterschwelligen Form von Beziehung: Da es in vielen Bereichen Programme für Minderheiten gibt, fühlen sich Menschen verbunden und hoffen, selbst in den Genuss eines Programms zu kommen, das ihre Interessen vertritt.

Auch der Musikwissenschaftler und Psychologe Werner Jauck stehen strukturelle Überlegungen im Fokus, allerdings aus einem anderen Blickwinkel: Er wechselt vom großen Ganzen zur Ich-Wahrnehmung des Wissenschaftlers. Sein Beitrag ist letztlich ein Aufruf, die eigenen persönlichen Grenzen zu überschreiten und als WissenschaftlerIn nicht nur die geistige, sondern auch die körperliche Wahrnehmung in den Prozess des Erforschens einzubeziehen.

Vielfalt der Methoden: Beziehungen durch Dialog

Neben der Vielfalt an Disziplinen ist auch das Methodenspektrum des Bandes breit gestreut. Mit dem Instrument verschiedener methodischer Gesprächsführungen wird dabei versucht, das theoretische Konzept der Entstehung und Vertiefung von Beziehungen konkret und unmittelbar umzusetzen.

So fand im Rahmen der Tagung eine beziehungsfördernde fächerübergreifende Podiumsdiskussion statt, auf der über Traum und Realität künstlerischer und wissenschaftlicher Berufe und das Verhältnis dieser beiden Pole zueinander debattiert wurde. Dagmar Abfalter fasst diese Diskussion zusammen und zeigt auf, wie schwierig es ist, zugleich Künstler und Manager zu sein. Gerade hier leistet das Studium des Kulturmanagements wertvolle Unterstützung, muss sich zugleich aber auch den Bedürfnissen am Arbeitsmarkt, etwa durch neue Kursformate und Inhalte, anpassen.

Eine weitere Form der Gesprächsführung zeigt das Interview von Beate Flath mit Tasos Zembylas, dessen Forschungsschwerpunkt auf Theorien des Kulturbetriebs und öffentlicher Kulturförderung liegt. Er betont die enge Verflechtung der Tagungsbegriffe Gender, Kultur und Management, insbesondere in der Kulturpolitik, wenn Frauen- und Kulturförderung eine Rolle spielen.

Den Abschluss des Bandes stellt eine Kombination der bisher vorgestellten Dialogformen dar. So diskutierten Beate Flath und Peter Tschmuck (Professor für Kulturbetriebslehre am IKM) in einem Podiumsgespräch die Rolle der Diversität in der Musikwirtschaft. Peter Tschmuck macht deutlich, wie ambivalent Diversität dabei empfunden wird. Musik und insbesondere Musikstile sind Teil sozialer Konstrukte, deren Vielfalt die Musikindustrie vor Herausforderungen stellt. Die Digitalisierung ermöglicht jedoch seit einigen Jahren eine starke Zunahme an Diversität, da neue Kanäle und Medien von mehr Menschen genutzt werden können. Mit dieser Form des Gespächs greifen Flath und Tschmuck die Grundidee der Tagung auf, bei der es um den Austausch, den Dialog gehen sollte, der als Instrument fungiert, um das Prozesshafte aufzuzeigen.

Fazit

Der Anspruch des Buches, Verbindung und Vernetzung zwischen verschiedenen Wissenschaftszweigen und der Kunst zu schaffen, entspricht derzeit gängigen Forderungen im Wissenschaftsbetrieb und ist hoch gesteckt. Trotzdem wird deutlich: Das Institut für Kulturmanagement und Gender Studies (IKM) hat Übung im inter- und transdisziplinären Dialog, sodass die AutorInnen dem formulierten Anspruch durchaus gerecht werden. Allerdings ist die Bandbreite der Perspektiven für die LeserInnen manches Mal eine Herausforderung und zwingt sie geradezu, selbst neue Perspektiven einzunehmen. Die AutorInnen des Buches stehen darüber hinaus fast alle dem IKM persönlich nahe, weshalb die Beispiele und theoretischen Ansätze immer wieder ähnlich und dem österreichischen Kontext verbunden sind. Interessant wäre es gewesen, mehr AutorInnen von außerhalb zu gewinnen und zu versuchen, auch mit ihnen ähnlich transdisziplinär und überregional zu arbeiten.

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