04.06.2014

Autor*in

Sarah Willner
Buchrezension

Kultur all inclusive. Identität, Tradition und Kulturerbe im Zeitalter des Massentourismus

Wie ist es um das Verhältnis zwischen modernem Massentourismus und den unterschiedlichen Spielarten von »Kulturerbe« bestellt? Wo Einheimische und Touristen aufeinandertreffen, verändern materielles wie immaterielles Kulturerbe - ja oft sogar Ethnizität und sozio-kulturelle Identität - ihre Ausdrucksformen und Bedeutungsinhalte. Vielfach entsteht Kulturerbe oder das, was als solches verstanden und (an-)erkannt wird in der touristischen Arena erst neu. Das Hauptinteresse des Buchs gilt dieser generativen Dynamik, in der Kulturerbe selektiert, präsentiert, produziert und kommodifiziert wird.
 
Der Sammelband widmet sich dem Verhältnis von kommerzialisiertem Reisen und Kulturerbe. Die Autoren/innen kommen hauptsächlich aus der Ethnologie oder Soziologie. Das Vorwort von Felix Girke und Eva-Maria Knoll verheißt praxisbezogene Beiträge zum Verhältnis touristischer Imaginationen, kultureller Performanzen und der Kommodifizierung von Kultur an den jeweiligen Zielen. Dabei richten die Beiträge ihre Aufmerksamkeit auch auf die ambivalenten Bewertungen der dortigen Akteure/innen, auf die Chancen und Risiken, Hoffnungen und Befürchtungen die mit den Tourismusströmen verbunden sind. Mehrfach distanzieren sich die Herausgeber/innen von Interpretamenten der Tourismuskritik, die in diesem Zusammenhang immer wieder anklingen.
 
Der einführende Beitrag von Burkhard Schnepel stellt theoretische Konzepte der Kulturerbeforschung wie Authentizität, Kommodifizierung und Kontaktzonen vor und konstatiert in der deutschen Tourismusforschung einen Mangel im Hinblick auf die Berücksichtigung kultureller und historischer Dimensionen. Das Ziel des Bandes sei es dagegen, die Bedingungen, Möglichkeiten und Auswirkungen des Kulturerbekonsums zu untersuchen. Tourismuskritik sei für dessen Erforschung aber nicht zielführend.

Hervorzuheben ist der Text von Regina Bendix. Sie verweist zum einen auf zentrale Begriffe der Heritageforschung, stellt zum anderen aber auch die Interdependenzen von Kulturwissenschaft und Kulturpraxis heraus (etwa die latent noch immer mit dem Verlustgedanken laborierende Tourismuskritik ethnografisch arbeitender Wissenschaftler). Bendix vergleicht Kulturerbe-Regime und Tourismus als zwei potentiell aggressive Strategien der In-Wertsetzung von Kultur. Die praxeologische Perspektive auf das Feld profitiert von der Unterscheidung zwischen Kommodifizierung, als mit dem Verlust von kulturellen Werten verbunden, und In-Wertsetzung als intrinsischer Teil kulturellen Handelns. Hieraus ergibt sich die Auflösung der Trennung von der Handlungsebene der Kulturschaffenden und -träger/innen und der lenkenden Metaebene. Von diesem Perspektivwechsel konnten die restlichen Beiträge des Bandes allerdings nicht mehr profitieren.

Thomas Schmitt hat eine klar strukturierte Governanzanalyse durchgeführt, die einen Überblick über die Institutionen, Akteure/innen und Prozesse der Erbwerdung gibt. Besonders spannend lesen sich die Beschreibungen ausgewählter Sitzungen des Welterbekommitees. Die Frage nach den vom Welterbesystem produzierten Kulturgeografien in Gestalt der Welterbeliste als globale Kanonisierung des kulturell Wichtigen (S. 140) beantwortet Schmitt, indem er sowohl Kritikpunkte am Welterbesystem (Eurozentrismus und wirtschaftlich bedingte Chancenungleichheit bei den Antragstellern/innen) als auch weniger verbreitete gegenhegemoniale Interpretamente in Betracht zieht. In Bezug auf den Tourismus folgert er, dass, obgleich die Tourismusförderung als zentrales Movens für Bemühungen zur Erlangung eines Erbestatus gelte, Tourismus im Diskurs des Welterbes ein ambivalent besetzter Begriff bleibe.

Hasso Spodes Beitrag widmet sich der Bedeutung, Erforschung und Kritik touristischer Authentizitätskonzepte. Er beschreibt komplexe Wechselbeziehungen von Authentizitätskonzepten und Raumkonstruktionen und ist davon überzeugt, dass Authentizität für soziale Distinktionspraktiken, trotz aller postmodernen Dekonstruktionsleistungen und ohne die Kritik am Massentourismus reanimieren zu wollen, ein unentbehrliches Konzept bleibt. Seine verhärtete Unterteilung in einen so genannten Kulturtourismus auf der einen und populär-konsumistische Tourismusformen (S. 97) auf der anderen Seite ist schwer nachvollziehbar, zumal die gezeichneten Typologien mit dem jeweiligen touristischen Erleben wenig zu tun haben.

Stark auf die Wechselwirkungen von touristischen Imaginationen und Performanzen an den jeweiligen Zielen gehen die folgenden drei Beiträge ein. Joachim Görlich untersucht die Veränderungen eines Initiationsrituals im Rahmen eines Kulturfestivals in Papua Neuguinea mit zunehmender Anwesenheit von Touristen/innen. Damit ginge die fortlaufende Aushandlung kultureller Wertigkeiten einher, die im Hinblick auf die touristischen Bedürfnisse entwickelt würden. Görlich folgert, die Kommodifizierung des Rituals für den globalen Touristenmarkt bringe eine erhöhte Reflexionstätigkeit mit sich und damit ein Bewusstwerden des kulturellen Erbes (S. 211). Anna Hüncke hat in einem von Angehörigen des San-Stammes geführten Camp in Namibia die Funktionalität und Durchlässigkeit der so genannten tourist bubble für die Touristen/innen und für ihre Gastgeber/innen untersucht, das heißt inwieweit das touristische Erleben mit den jeweiligen Erwartungen übereinstimmt. Abhängig von den touristischen Imaginationen werden die Begegnungen mit modern oder traditionell lebenden San unterschiedlich bewertet und tragen zum Teil unbeabsichtigt zur Marginalisierung der San bei. Markus Lindner betrachtet aktuelle Umgangsweisen in nordamerikanischen Indianerreservationen mit Touristen. Das Prinzip sharing and protecting nach dem die Reservationen ihr kulturelles Angebot ordneten und die Regeln für dessen Besuch festlegten, fasst er als Antagonismus auf, in dem um die Objekte und das Maß der touristischen Verwertung gerungen wird.
 
Georg Maternas Beitrag fragt, warum selbstständige Kleinunternehmer/innen im Senegal sich nicht als Ethnopreneure etablieren können, die ihre eigenen Kulturen im Ethnotourismus erfolgreich vermarkten. Schließlich leisteten diese einen signifikanten Beitrag zur Kommodifizierung ihrer Kultur. Anja Peleikus und Jackie Feldman untersuchen abschließend Musemsshops im Jüdischen Museum Berlin und in Yad Vashem in Jerusalem im Hinblick auf die hier verhandelten und inszenierten Besuchergruppen. Sie konnten unterschiedliche Strategien der Ökonomisierung der Erinnerung beobachten, die sich nach der Ausrichtung des Museums und dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext richten.

Die Verheißungen des Sammelbandes wurden weitgehend eingelöst. Die Beiträge beziehen sich fast ausnahmslos auf empirisches Material von unterschiedlichen Schauplätzen der Kommodifizierung von Kultur. Der Band erweitert so das Spektrum von bereits erfolgten Veröffentlichungen zum ambivalenten Verhältnis von Tourismus und Erbe. Dass Mehrdeutigkeiten, beziehungsweise die normativen Positionen der Autoren/innen nicht offen dargelegt und reflektiert, sondern vielmehr theoretisch überlagert werden, verkompliziert die Lektüre unnötig und steht der Erfüllung der eingangs formulierten Ziele im Weg. Anstatt sich wiederholt rhetorisch von kulturpessimistischen Positionen abzugrenzen, wäre es wünschenswert gewesen, eingehender zu prüfen, welche Möglichkeiten eine Betrachtung performativer Praktiken des Tourismus tatsächlich birgt.

Die ungekürzte Version dieser Rezension erschien zuerst auf H-Soz-Kult. Sie kann hier abgerufen werden.

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