10.07.2019

Autor*in

Siegfried Kristöfl
ist Historiker, Kurator und Projektmanager. Er organisierte und betreute im Rahmen des mehrjährigen EU-Leader-Projekts „HEIMAT=SHARING“ Aktivitäten zur kulturellen Integrationsarbeit auf Basis ehrenamtlichen Engagements. Zudem schreibt er regelmäßig über aktuelle Themen der Museumswelt und regionale Kulturvermittlungsprogramme.
Buchrezension

Kulturtourismus in Tirol: Chancen und Widerstände in einer Alpenregion

Tirol - das Land in den Alpen weckt Assoziationen: Berge, Ski, Hütten, Kühe. Wo bleibt die Kultur in diesem Imagebild? Und wie verhält sie sich zum Tourismus? Ein Antagonismus, den Verena Teissl und Klaus Seltenheim in "Kulturtourismus in Tirol" sehr genau betrachten.
 
Die 2018 im transcript Verlag erschienene Studie ist weder ein vordergründiges Pamphlet gegen den Massentourismus, noch ein Reiseführer zu kulturellen Stätten. Auch wenn es keine Ausflugshinweise gibt, erwartet man - tirolaffin und reiseerfahren - zumindest den einen oder anderen Tiroler Hotspot im Buch wiederzufinden und freut sich auf Backgroundinformationen, z.B. über die Festspiele Erl, die Kristallwelten oder Schloss Ambras. Doch das neugierige Kulturauge sucht danach vergebens im Inhaltsverzeichnis für die mehr als 200 Textseiten.

Dafür entpuppt sich Tirol bereits auf diesem ersten Blick als offene Region, was insbesondere im exklusiven Beitrag Ulrich Fuchs’ deutlich wird. Am Beispiel seiner persönlichen Erfahrungen als Kulturmanager in den europäischen Kulturhauptstädten Linz 2009 bzw. Marseille 2013 erläutert er gesellschaftspolitische Potenziale und Visionen kultureller Nachhaltigkeit. Interessanterweise wird aber nirgends darüber nachgedacht, warum sich keine Tiroler Stadt als kommende Kulturhauptstadt 2024 bewirbt. Auch die Vorbereitungen auf das Gedenkjahr zum 500. Todestag von Kaiser Maximilian I. (2019), das dem offiziellen Land durchaus einige Millionen Euro wert ist, bleiben unerwähnt. Quo vadis Kulturtourismus, wenn den großen treibenden Projekten und Attraktionen bewusst ausgewichen wird?

Berg und Tal

Der Fokus der zwei Autoren bleibt - und das ist das Spezielle - auf das Verhältnis zwischen lokalen Kulturanbietern und regionalen Tourismusverbänden gerichtet. Beide sind mit der Fachhochschule Kufstein (in Tirol) verbunden, an der ein Studiengang Sport-, Kultur- und Veranstaltungsmanagement angeboten wird. Klaus Seltenheim ist ein Absolvent, Verena Teissl Professorin für Kulturwissenschaft und Kulturmanagement. Dabei definieren sie Kulturtourismus als Denkfigur für gesellschaftliche Entwicklung und kulturelle Nachhaltigkeit. Es sind die Einheimischen, an die sich die Ergebnisse richten.

Das theoretische Rüstzeug reicht von Tiroler Pionierarbeiten von Lukas Siller oder Hans Haid bis zu Konzepten der Cultural Studies - Klassiker wie Foucault oder Pomian sind auch dabei, der zeitgenössische Diskurs des gestaltenden Kulturmanagementverständnisses sowieso. Dementsprechend ausgerüstet, wird dichtes Material durchmessen: empirische Daten, Ergebnisse von Experteninterviews, Literaturhinweise, Studien, Leitpläne werden durchpflügt. Zwei Fallstudien - das Tirol Panorama in Innsbruck und der Gedächtnisspeicher Ötztal - werden dokumentiert und aktuelle Erfahrungen mit den zeitgenössischen Bereichen Interkultur und Erinnerungskultur in Tirol beschrieben. Gerade dabei wird die Weite des Spalts deutlich: Wie passen die Imagebilder der Tourismuswerbung mit einer tiefgehenden Erinnerungskultur zusammen? Und wie die Ambitionen einer Entnazifizierung der Volkskultur mit einer Perfektionierung der Gästewerbung?

Teissl und Seltenheim konzentrieren sich in ihrer Forschung auf Kulturinitiativen, wie sie in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts überall im Land entstanden sind: Öffentlich geförderte Kulturbetriebe, in kleineren nicht-urbanen Gemeinden, mit viel ehrenamtlichem Engagement aufgebaut, durchgängig sich als Kontrapunkt zu bestehendem traditionellem Angebot verstehend. Tourismusverbände und deren Marketingeinrichtungen stehen selbigen mitunter wortlos gegenüber. Miteinbezogen in die Untersuchung sind auch Positionen von kulturpolitischen Entscheidungsträgern. Eine drängende Frage lautet: Sind mögliche Ergänzungen im Kulturtourismus von Tirol von jener ‚alternativen‘ Seite her möglich?

Schattseite und Sonnseite

Im Grunde stehen sich zwei Denkweisen diametral entgegen: Die Kulturschaffenden agieren auf Basis eines Bildungsauftrags, sind kulturpolitisch ausgerichtet und agieren als "kulturelle Nahversorger". Ihre Angebote haben bislang in den Marketingkonzepten der Tourismusbranche keinen Platz: zu sperrig, zu wenig ökonomisch verwertbar, kein breitenwirksames Angebot. Deren Entscheidungsträger orientieren sich auf die Bedienung von Gästeinteressen, haben einen Hang zu vordergründigen Events und oberflächlichen Massen- und Volkskulturveranstaltungen.

Dieses Spannungsverhältnis detailreich und fundiert nachzuzeichnen, gelingt der Studie exzellent. Vor allem die empirische Bestandsaufnahme in Form von elf Experten-Interviews für einen eigenen "Gedächtnisspeicher" zum Kulturtourismus in Tirol.

Das Ergebnis dieser sozialen Netzwerkanalyse spricht Bände: Trotz einer prinzipiellen Gesprächsbasis, gehen sich beide Seiten aus dem Weg. Nur ein persönliches Engagement von Betroffenen führt zu einem Austausch. Es sind im Grunde Parallelwelten oder - um es mit einem prägenden Dualismus in der Geographie der Gebirge zu beschreiben - Schattseite und Sonnseite. In einem Tal gehören sie zusammen, auch wenn sie - vor allem von Konsumenten - unterschiedlich wahrgenommen werden, bevorzugt gesucht bzw. instinktiv gemieden.

Die Studie argumentiert für den Aufbau einer intensiveren Kooperationskultur zwischen den Antagonisten. Außerdem sehen die Autoren diese Spannungen auf einer höheren Ebene ausgleichbar: Kultur und Tourismus sollen - so ihr Credo - Verantwortung für gesellschaftliche Entwicklung übernehmen und nichts weniger versuchen, als das Image und die Identität des Landes anzunähern. Darüber hinaus plädieren sie für neue Konzepte zur nicht monetären In-Wert-Setzung von Kulturgütern.

Heut‘ und Morgen

Ähnliche Verhältnisse herrschen mindestens in allen anderen Bundesländern Österreichs, wohl auch in übrigen Regionen größerer ‚Kulturnationen‘. Kultur ist eine selbstverständliche touristische Ressource, wenn es um historisierende Imagebildung geht oder um die Etablierung von urbanen Zentren als Kultur-Hotspot. Sie aber in ihrer Nachhaltigkeit und ihrer gesellschaftlichen Wirkung zu verstehen, wird übersehen. Die kulturellen Bedürfnisse der Einheimischen in die Tourismusplanungen miteinzubeziehen, wäre notwendig und gar nicht uneigennützig, denn die Beschäftigung mit der Identität könnte die Attraktivität einer Tourismusdestination steigern. Die Kultur wird als der vernünftigere Partner präsentiert, der den ungestümen Tourismus mahnt, auf dass sie ihrer beider Rolle als Meinungsbildner gerecht werden könnten.

Wenn etwas an dieser Studie enttäuscht, dann das defensive Verhalten der Autoren, die Wissenschaftsinfrastruktur rund um die Fachhochschule aktiv in diesen Diskurs einzubringen. Sie verweilen bei den ausformulierten Denkfiguren und zügeln jede Offensive, indem sie bloß mögliche weitere theoretische Studien und Beforschungen aufzählen, aber sich nicht ex cathedra zum praktischen Mitgestalter erklären. Die Publikation wird durch diese leise Stimme trotz ihrer Güte kein Echo hervorrufen.

PS: Übrigens erschien zeitgleich in Oberösterreich ein Buch mit Studien zum Verhältnis von Museen und Tourismus. Zwei allgemeine Fragen regen sich dazu im Stillen: Wie groß muss ein Land sein, um kulturwissenschaftliche Debatten breit und gehaltvoll zu führen? Und wie klein muss es sein, um Akteure verschiedener Bereiche unter kreativen Druck und damit in ein produktives Miteinander zu bringen?

Bücher rezensieren

 
Möchten auch Sie Bücher für Kultur Management Network rezensieren? In unserer Liste finden Sie alle Bücher, die wir derzeit zur Rezension anbieten:
 
Schreiben Sie uns einfach eine Mail mit Ihrem Wunschbuch an
Kommentare (0)
Zu diesem Beitrag sind noch keine Kommentare vorhanden.