08.11.2018

Autor*in

Isabell Fiedler
ist als Kulturmanagerin in verschiedenen Positionen im internationalen Kulturbereich tätig. Ihr Fokus liegt auf integrativen Kommunikationsstrategien und Bildungsprojekten. Sie promovierte über verständigungsorientierte Museumskommunikation und hat einen Master in Kulturmanagement. Blog: https://forumkulturvermittlung.at
Buchrezension

to be debated. Die Potenziale von Partnerschaften

Partnerschaften sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft eine absolute Notwendigkeit. Wie sie unter Einbezug von dessen spezifischen Eigenschaften und externen Anforderungen am besten umgesetzt werden können, untersucht die Publikation von Marilena Vecco und Elmar D. Konrad.
 
Marilena Vecco und Elmar D. Konrad analysieren in ihrer 2017 erschienenen Publikation Partnerschaften in den Kultur- und Kreativwirtschaften. Dabei stellen sie deren Mehrwert, Ablauf und Ausgestaltung auf 65 Seiten in einen wissenschaftlichen Kontext, der zur weiteren Diskussion und Auseinandersetzung anregen soll. Vecco und Konrad verknüpfen dabei für ihre Abhandlung sehr geschickt Fachliteratur und wissenschaftliche Studien aus Bereichen der Kreativwirtschaft, der Netzwerkforschung, dem Organisationsmanagement, den Kultur- und Wirtschaftswissenschaften.
 
Diskussions- und Analysebedarf
 
Über die Notwenigkeit von Partnerschaften sind sich Kulturmanager_innen, Fördergeber_innen und andere Stakeholder heute einig. Doch darüber, warum, wie und vor welchem Hintergrund sie initiiert, geführt und evaluiert werden sollten, gibt es in der Praxis oftmals noch zu wenig Diskussionen. Genau hier setzt die Publikation im Rahmen der Reihe „to be debated“ an. Das european centre for creative economy (ecce) initiierte die Serie im Jahr 2014, um viel diskutierte und wenig hinterfragte Begriffe und Trends der Kultur- und Kreativwirtschaft in die öffentliche Diskussion zu integrieren und (selbst-)kritisch zu durchleuchten. Vor allem letzteres gelingt in Bezug auf den Begriff der Partnerschaften mit dem vorliegenden Buch sehr gut. Dabei folgt die Kapitelaufteilung einem logischen Aufbau, welcher dem Lebenszyklus von Partnerschaften entspricht.
 
Aktualität von Partnerschaften in der Kultur- und Kreativwirtschaft
 
Partnerschaften sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft heute zentraler denn je. Einerseits ist die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, Vereinen und Organisationen dem Feld immanent: „Sie sind konstitutiv für jede künstlerische Äußerung und kreative Vielfalt sowie für die Produktion von kulturellen und kreativen Gütern und Dienstleistungen“, so werden die Autor_innen im Vorwort zitiert. Andererseits werden Partnerschaften verstärkt von außen an das Feld herangetragen: Kooperationen von Städten und Regionen in Europa nehmen zu, nationale und regionale Projektförderungen unterstützen gezielt gemeinsame Projektansätze und Austauschprogramme der Europäischen Union fördern transnationale Beziehungen. Zugleich ermöglichen die kommunikationstechnologischen Entwicklungen, sich unabhängig von Ort und Zeit zu vernetzen.
 
All diese Faktoren provozieren das sogenannte Partnerschaftsdilemma, also die Frage, in welchem Ausmaß Organisationen Partnerschaften eingehen sollten, um ihre Aufgaben erfüllen und sich im konkurrenzintensiven Feld der Kultur- und Kreativwirtschaft etablieren und überleben zu können. Diesem Dilemma sollte in der Praxis auf Basis von Wissen und Fakten begegnet werden - nicht mit Trial-and-Error - damit die strategische organisationsübergreifende Zusammenarbeit erfolgreich sein kann. Diese Notwendigkeit verdeutlicht die Publikation sehr gut: Sie verknüpft allgemeine Beobachtungen des Feldes mit konkreten Beispielen (z.B. institutionelle Zusammenschlüsse, die sich um die Bewerbung und Vergaben von Kulturhauptstädten Europas wie RUHR.2010 entwickelt haben) sowie Forschungs- und Studienergebnissen
 
Strategische organisationsübergreifende Zusammenarbeit
 
„Organisationsübergreifende Zusammenarbeit bezeichnet Prozesse der Beziehungsbildung zwischen zwei oder mehreren Organisationen mit dem Zweck, gemeinsame Ziele zu verfolgen und gegenseitigen Nutzen zu erreichen, indem Ressourcen zusammengelegt werden und eine größere interne und externe organisatorische Wirkung geschaffen werden“ (Seite 27).
 
Strategische organisationsübergreifende Zusammenarbeit (inter-organisational collaborations – IOC) wird von den Autor_innen unter Rückgriff auf viele internationale Literaturquellen dargelegt. Zentrale Themenbereiche sind dabei:
 
  • Gründe und Motive für Partnerschaften
  • Arten von IOCs
  • Vorteile von Partnerschaften
  • Verwirklichung einer Partnerschaft
  • Führungsstrukturen
  • Erfolgsbedingungen
  • Evaluationsfaktoren
Diese Ebenen werden aus strategischer, ökonomischer und organisatorischer Perspektive durchleuchtet und mit Grafiken und Schaubildern illustriert. Dabei zeigt sich, dass die Motive für organisationsübergreifende Zusammenarbeit meist auf der wirtschaftlichen und künstlerischen Ebene verortet sind und neben der Teilung von Ressourcen auch organisationales Lernen und die Hervorbringung von neuem Wissen durch die Interaktion der Partner umfassen.
 
Wie sich Partnerschaften dann konkret ausgestalten können, verdeutlicht der dreidimensionale sogenannte IOC-Würfel (Seite 20): Demnach sind Synergiegrad (national, europäisch, international), Form der Zusammenarbeit (Netzwerke, Partnerschaften, projektbezogen) und Kultursektor (öffentlich, privat, Einzelperson) ausschlaggebende Kriterien für Motive, Strategien und formale Werkzeuge der jeweiligen Zusammenarbeit. Für die Praxis relevant ist auch der Einblick in verschiedene Formen der Netzwerkführung (mit geteilter Leitung / leitender Organisation / administrativer Organisation), denn „vielen Netzwerken oder Partnerschaften fehlt es schlicht an Funktionalität, um bestimmte Ergebnisse zu produzieren“ (Seite 42).
 
Für die Beurteilung einer Partnerschaft werden schließlich ein objektiver Maßstab (harte Fakten wie der Absatz) und ein affektiver Maßstab (Zufriedenheit) zusammengezogen (Seite 54), wobei im Kultur- und Kreativsektor noch eine dritte Dimension hineinspielt: die Steigerung der eigenen Reputation. Mehrfach hervorgehoben wird die Bedeutung von Individuen in Netzwerken: Einzelne Akteur_innen, nicht ganze Organisationen initiieren die Netzwerke, treiben sie voran und bringen ihre Erfahrungen, Verhalten und Kompetenzen ein.
 
Kulturelle und soziale Werte als Mehrwert in Kultur- und Kreativsektoren
 
Wie die Autor_innen aufzeigen, kennzeichnet neben ihrer Komplexität noch ein weiteres Charakteristikum der Kultur- und Kreativwirtschaft die Partnerschaften in diesem Bereich: ihre Wertorientierung. Wirtschaftliche und künstlerisch/ kulturelle Motive werden bei der Errichtung von IOC verwoben und auf verschiedenen Ebenen - Verhalten und Positionierung, Organisationslernen, Kosten und Risiken - implementiert. Dies passiert vor dem übergeordneten Ziel der Schaffung eines Mehrwertes für die Partnerschaft als Ganzes sowie für die individuellen Partner_innen. In den Kultur- und Kreativsektoren liegt dieser Mehrwert im Vergleich zu anderen Sektoren vorranging in der Hervorbringung kultureller und sozialer Werte. Die Publikation macht deutlich, dass ein zentraler Punkt die Frage ist, wie diese individuellen und gemeinschaftlichen Werte zueinander in Einklang gebracht werden können. Dieser muss in der Praxis für jede Partnerschaft neu geklärt werden.
 
Zusammenarbeit als Prozess und Netzwerk, das auf Vertrauen basiert
 
Sehr klar vermitteln Marilena Vecco und Elmar D. Konrad zudem, dass Partnerschaften Prozesse sind, die von Personen initiiert werden, Lebenszyklen aufweisen und hinsichtlich des Grades der Integration, den Motiven, Strategien und Aufgaben sowie der Führung und Kommunikation differieren. Keine Partnerschaftsbeziehung gleicht der anderen und es gibt kein Patentrezept, um sie zum Erfolg zu bringen. Die Kenntnis der wesentlichen Bedingungs-, Einfluss- und Evaluationsfaktoren kann jedoch Ausgangspunkt für die Steigerung der Effektivität sein.
 
Zusammengehalten wird der Prozess von einem (weiteren) immateriellen Wert: Vertrauen. Kulturmanager_innen, die in partnerschaftlichen Modellen zusammengearbeitet haben, können dies bestätigen. Die Autoren liefern hier für die Praxis einen guten Einblick in die Vertrauensgleichung und geben Einblick in vertrauensbildende Strategien in der Literatur.
 
Fazit
 
Das Buch legt eine gute wissenschaftliche Basis für die Diskussion um die Potenziale und Risiken von Partnerschaften im Kunst- und Kreativsektor. Auch für einen ersten theoretischen Einstieg in das Thema werden alle zentralen Bereiche abgedeckt. Zwar sind viele Ausführungen für die direkte Übersetzung in die Praxis zu theorielastig, können jedoch wertvolle Denkimpulse in Gang setzen.
 
Für Projektmanager_innen, die an Partnerschaften arbeiten, können die sprachliche Komplexität, die detaillierten Vergleiche der vielen zitierten Quellen jedoch etwas überwältigend sein. Bei den komplexen Ausführungen kommt es zudem mitunter zu inhaltlichen Redundanzen, die zuweilen den schleppenden Lesefluss noch mehr hemmen. Die akademische Sprache der Publikation wird jedoch durch viele Grafiken visuell illustriert und optische Hervorhebungen von Textelemente helfen bei der Orientierung.
 
Aus Kulturmanager_innenperspektive kann das Buch dazu herangezogen werden, sich mittels einer wissenschaftlichen Basis bewusst damit auseinanderzusetzen, wie Partnerschaften systematisch geplant, durchgeführt und evaluiert werden können. Für Stakeholder kann das Buch zudem wertvolle Anregungen geben, wie sie die Qualität und den Erfolg von Partnerschaften beurteilen und evaluieren können.

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