02.08.2006

Themenreihe Aus- und Weiterbildung

Autor*in

Dirk Heinze
Veronika Schuster
ist ausgebildete Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin. Sie hat mehr als 10 Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Co-Kuratorin für verschiedene Ausstellungsprojekte und Kultureinrichtungen (u.a. Museum Georg Schäfer, Klassik Stiftung Weimar, Marion Ermer Stiftung) gearbeitet. Nebenbei arbeitet sie als Lektorin und Projektleiterin für unterschiedliche Publikationsformate.
Von der Industrie- zur Wissensgesellschaft

Die kreative Klasse von Richard Florida

Aktuelle Diskussionen um gegenwärtige Wirtschaftsmodelle und die Bedeutung neuer ökonomischer Rahmenbedingungen im Zuge der Globalisierung zeigen auf, wie akut eine Neudefinition für wirtschaftliches Wachstum und internationale Wettbewerbsfähigkeit ist. Besonders in den USA ist dabei eine rege Debatte über die Rolle von Kreativität für eine neue wirtschaftliche Ordnung entstanden. Anlass für den Soziologen und Ökonomen Richard Florida in seinem Buch, "The Rise of the Creative Class" (2002) die Beziehung von Kultur, Kreativität und wirtschaftlichem Wachstum zu analysieren. Kulturmanagement Network führte mit dem Autor eines der seltenen Interviews.
Florida kommt zu dem Schluss, dass Kreativität als Standortfaktor einen entscheidenden Beitrag zum ökonomischen Erfolg einer Stadt bzw. Region darstellt und unterstreicht damit den viel diskutierten Standpunkt, dass zukünftig kreatives Handeln maßgeblich das wirtschaftliche Wachstum beeinflussen wird.

Richard Floridas Überlegungen basieren auf dem grundlegenden Wechsel von einer Industrie- zu einer Wissensgesellschaft, die eine breite Vielfalt an neuen Lebens- und Arbeitsstilen hervorbringt und so auch die Struktur des Arbeitsmarktes verändert. Diese neue Wissensgesellschaft wird von der "Kreativen Klasse" bestimmt, die spezielle intellektuelle und kreative Fähigkeiten ausbildet und durch ihre neuen Ideen, Inhalte und Konzepte sowie mit kreativen Lösungen zum wirtschaftlichen Wachstum beiträgt. Zu dieser stetig wachsenden "Kreativen Klasse" zählen nach Florida u.a. IT-Spezialisten, Programmierer, Architekten, wie auch Berufsgruppen aus den Bereichen Medien, Kunst, Sport oder Bildung, aber auch aus den Bereichen Management, Gesundheit und dem Finanzsektor - also Berufsgruppen, die eine eigenständige, kreative Leistung vollbringen. Aufgrund der existentiellen Bedeutung der "Kreativen Klasse" für die zukünftige Produktivität der Industrieländer, entwickeln sich für Florida Standortfaktoren wie Infrastruktur und Lohnkosten zu sekundären Entscheidungsträgern für die Ansiedlung von Unternehmen.

Die "Kreative Klasse" benötigt für ihre Entwicklung allerdings den richtigen "Nährboden", ein förderliches Umfeld, den Florida mit den unbedingt notwendigen 3 Ts näher charakterisiert: So müssen Technologie, Toleranz und Talent zusammentreffen, damit eine Region kreative Menschen anzieht und die Wirtschaft boomen kann. Denn ein Standort gewinnt an Attraktivität und an Wachstumsdynamik, wenn kreatives Talent und technologisches Know-how zusammenarbeiten. Eine vielfältige und tolerante Zusammensetzung der Gesellschaft fördert zudem den kreativen Wissensaustausch.

Um empirisch darzulegen, ob eine Region für eine "Kreative Klasse" geeignet ist, hat Florida den Creativity Index entworfen, der eine solche Entwicklungsmöglichkeit messbar und eventuelle Missstände analysierbar macht: Der Creativity Index setzt sich zusammen aus dem
- Innovation Index (Patentanmeldungen pro Kopf),
- dem High-Tech Index (Regionaler Anteil von Beschäftigten in der Technologieindustrie bzw. Konzentrationsgrad von Firmen aus dem High-Tech bzw. Softwarebereich),
- dem Talent Index (Prozentsatz der Bevölkerung mit einem Hochschulabschluss)
- und dem Tolerance Index (Grad ethnischer, kultureller und sozialer Vielfalt, besonders wichtig für Florida ist die Zusammensetzung aus Migranten, Homosexuellen und Bohemians).
Nur wenn diese Indices in einem ausgewogenen Verhältnis stehen, kann ein reger, kreativer und produktiver Austausch stattfinden.

Interview mit Richard Florida:

KMN: Was hat sich seit der ersten Auflage Ihres Buches verändert? Gab es einen weiteren Anstieg der von Ihnen benannten "Kreativen Klasse"?

Richard Florida: Ich denke, die augenscheinlichsten Veränderungen seit der Veröffentlichung von "The Rise of the Creative Class" im Jahr 2002 sind der ständig wachsende Umfang der kreativwirtschaftlichen Ideen und die anhaltende Bestätigung vieler solcher Konzepte durch unabhängige Analysen. Daten aus der ganzen Welt belegen, dass sich die Berufsbilder der "Kreativen Klasse" in allen Wirtschaftsbereichen weiter ausbreiten.

KMN: Ist ein Ende, eine Stagnation, dieses Aufstiegs in Sicht? Oder gibt es Veränderungen dieser "Kreativen Klasse"? Wie ist dahingehend der Stand Ihrer Forschung?

Richard Florida: Eine Stagnation dieses Sektors kann ich auf Jahre, auf Jahrzehnte hinaus nicht absehen. Wir stehen erst am Beginn dieses weltweiten, wirtschaftlichen Übergangs. Wenn vergangene Entwicklungen wie der Wechsel von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft ein Indikator sind, dann wird ein stabiles Wachstum dieses Sektors für Jahre zu erwarten sein. Ich hoffe, dass die "Kreative Klasse" "erwachsen wird" sowie durch die tragenden Veränderungen weniger auf sich selbst bezogen und dass das zu einer "kreativen Gesellschaft" führt: Zu einer Gesellschaft, die den größtmöglichen kreativen In- und Output von der maximalen Zahl von Bürgern nutzbringend verwendet. In vielerlei Hinsicht hat dieser Wechsel in England bereits begonnen. Die Länder, die diesen Weg beschreiten, werden für die Zukunft enorme wirtschaftliche Vorteile haben.

Meine aktuelle Forschung befasst sich mit der "Qualität von Orten" und wird detailliert in meinem neuen Buch Who?s Your City-Why the Place You Choose to Live is the Most Important Decision You?ll Ever Make, das im März 2007 erscheinen wird, diskutiert.

KMN: In welchen Ländern oder Regionen (weltweit) sehen Sie ein wachsendes Potential der kreativen Klasse und warum?

Richard Florida: Ich sehe eine Vielzahl von Ländern und Regionen, die sich schon in diese Richtung bewegen, obwohl ich geneigt bin, weniger auf Länder als viel mehr auf "megalopolises?, die in meinem neuen Buch diskutiert werden, zu blicken. Es gibt circa 10 "megalopolises" in den Vereinigten Staaten und 10 weitere auf der ganzen Welt, die ernsthafte Player in der Kreativwirtschaft sind. Um herauszufinden, welche es sind und warum, müssen Sie mein Buch lesen.



Das Originalinterview in englisch lesen Sie in der Augustausgabe des Arts Management Newsletter.
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