06.07.2006

Autor*in

Uta Petersen
Rückblick Kultur als Motor der Stadtentwicklung

Kultur als Motor der Stadtentwicklung

Ihr 30-jähriges Jubiläum nahm die Kulturpolitische Gesellschaft zum Anlass, in Hamburg gemeinsam mit dem Kulturzentrum Fabrik (35 Jahre) und dem Stadtteil- & Kulturzentrum MOTTE (ebenfalls 30 Jahre) zu feiern. Mehr als 150 Teilnehmer trafen sich zu einer zweitägigen Fachtagung zum Thema "Kultur als Motor der Stadtentwicklung" in der Hamburger Fabrik.
Der jüngste "kulturelle Motor" zur Stadtentwicklung in Hamburg ist die zukünftige Elbphilharmonie in der Hafencity. Die Finanzierung ist durch Bürgerspenden gesichert, Baubeginn ist im März 2007, Aufnahme des Spielbetriebes zu Saisonbeginn 2009/ 2010. Mit Recht verwiesen die illustren Redner, allen voran die Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck, stolz auf die Einmaligkeit dieses beispiellosen Bürgerengagements. Die Elbphilharmonie jedoch ist ein millionenschweres Prestige-Projekt, das den Charakter eines Wahrzeichens erhalten soll. Zunächst handelt es sich nur um damit verbundene Hoffnungen. Zur Zeit ist sie noch ein Plan, noch steht sie nicht, also kann auch noch nicht auf einen Erfahrungswert zur Stadtentwicklung zurückgegriffen werden.



Das Vorhaben ist natürlich schlecht zu vergleichen mit der ebenso wertvollen wie mühsamen kulturellen Basisarbeit, die die Stadtteil-Kulturzentren tagtäglich leisten. Kultur für jede und jeden, Alt und Jung - gleich um die Ecke im Wohnviertel - leistet seit 1976 beispielsweise die MOTTE als Ideenagentur und aktiver Kooperationspartner im Stadtteil Hamburg-Altona. Die Veranstaltungs-, Kurs- und Werkstattangebote richten sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Veranstaltungsmanagement und Kulturelle Bildung, Kindertreff und Jugendarbeit, Medienkompetenzförderung und Berufsorientierung, Freiwilligen-Management und Kooperationsnetzwerke sind die Basis für die innovativen und interdisziplinären Projekte der MOTTE.

Die MOTTE ist u.a. Initiator und Gesellschafter der altonale GbR, Initiator und Mitglied von Fokus Altona e.V., Partner im MedienNetz Hamburg und im Aktivoli Netzwerk, Gründungsmitglied und Gesellschafter der PS.A Kooperative Produktionsschule Altona GmbH und in diversen Verbänden organisiert. Die MOTTE versteht sich, so ihr Geschäftsführer Michael Wendt, als Intermediär und Impulsgeber für die Stadt(teil)entwicklung. Ziele und Werte der Soziokultur werden zunehmend beachtet, wenn es um Rahmenrichtlinien von Kinder- und Jugendkultur, nachhaltige Quartiersentwicklung oder um die Rolle der Kultur als Impulsgeber in der Stadtplanung geht. Geschäftsführung und Öffentlichkeitsarbeit der MOTTE haben hier Schwerpunkte ihrer Arbeit gesetzt.
In Hamburg wird die Soziokultur (jüngste Kultursparte in der Bundesrepublik) Hamburger Stadtteilkultur genannt. Der Förderung liegt die Globalrichtlinie Stadtteilkultur zu Grunde. Alle geförderten Stadtteilkulturzentren und Geschichtswerkstätten unterscheiden sich in ihrer Aufgabenausrichtung entsprechend der Entstehungsinitiative. Direkte Vergleichsmöglichkeiten werden zwar im Rahmen von Erfolgskontrollen über sog. Kennzahlenerhebungen abgefragt, die in Verbindung mit Qualitätsabfragen stehen, lassen aber auch keine gültige inhaltliche allgemein gültige Beschreibung der Stadtteilkultur zu. Insofern gibt es Leistungszahlen, die dem Nachweis der Arbeit dienen.



Hamburg hat 104 Stadtteile, die jeweiligen Bewohner zu ihrem Stadtteil einen ausgeprägten Bezug. Einige Stadtteilkulturzentren wie beispielsweise die Honigfabrik in Wilhelmsburg oder der BraKuLa in Bramfeld sind auch überregional durch unermüdliche Integrationsarbeit bekannt geworden.
Weitaus spannender als die verständliche Selbstbeweihräucherung der Podiumsdiskutanten zur Elbphilharmonie schien ein Gedankenansatz von Teilnehmer Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Ganser, Vorsitzender des Deutschen Architekturzentrums Berlin. Sein Stichwort "ziviler Ungehorsam" brachte am Beispiel der bewegten Geschichte der Hamburger Hafenstrasse den Zuhörern zurück ins Bewusstsein, dass hartnäckiger Widerstand und Gegenkonzepte schlecht durchdachte Stadtentwicklungspläne kippen können.

Zur Erinnerung: Im Herbst 1981 wurden in der Hamburger St. Pauli Hafenstraße leer stehende Wohnungen erstmalig besetzt, auch um einen Abriss der historisch gewachsenen Häuserzeile und eine Neubebauung zu verhindern. Die Besetzer entwickelte über Jahre gegen erhebliche Widerstände und mit spektakulären Demonstrationen und Straßenschlachten ein selbst verwaltetes Wohnmodell. Die Hafenstraße gilt als Symbol des Widerstandes gegen staatliche Willkür und kapitalistische Interessen. Heute besteht die Hafenstraße aus 12 Häusern, die Eigentum einer Genossenschaft sind. Entscheidungsgremium ist nach wie vor das Plenum, eine Versammlung aus Bewohnerinnen und Bewohnern, Anwohnern und (zur jeweiligen Sachlage) Betroffenen, entschieden wird nach dem Konsensprinzip.

Aus Anlass des Jubiläums der Kulturpolitischen Gesellschaft erschienen zwei Bücher: Das Jahrbuch für Kulturpolitik 2006 und der Tagungsband "publikum.macht.kultur" zum letzten Kulturpolitischen Kongress in Berlin.
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