19.02.2014

Autor*in

Birgitta Borghoff
Birgitta Borghoff
Konferenzen

Kulturell-kreativer Pionier- und Unternehmergeist in Wirtschaft und Kultur

Seminarrückblick Kultur für die Wirtschaft neue Märkte für Künstler und Kreative am Nordkolleg Rendsburg, ein Bericht von Birgitta Borghoff
Vom 22.-24. November 2013 fand am Nordkolleg Rendsburg Akademie für kulturelle Bildung ein höchst spannendes und innovatives Seminar an der Schnittstelle von Kultur und Wirtschaft statt. Neben den Seminarleitenden und anderen Mitarbeitern des Nordkolleg Rendsburg nahmen Kunst- bzw. Kulturschaffende, Vertreter der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, Ökonomie und des Kulturmanagements an der Veranstaltung teil.

Das Seminarangebot wurde von Lena Mäusezahl (Projektleiterin, Kulturmanagerin und Ökonomin) und Birthe Dierks (Projektreferentin, Kulturwissenschaftlerin und Kulturmanagerin), Mitarbeiterinnen im Fachbereich KulturWirtschaft des Nordkolleg Rendsburg gemeinsam entwickelt und läuft unter dem Projekt Unternehmen! KulturWirtschaft, gefördert im "Zukunftsprogramm Wirtschaft" des Landes Schleswig-Holstein. Dieses Projekt hat sich die Entwicklung einer nachhaltigen Wirtschaft, Region und Kultur in Schleswig-Holstein zum Ziel gesetzt. Der Fokus liegt auf einem Kompetenz- und Methodentransfer an der Schnittstelle von Kultur und Wirtschaft sowie auf der Entfaltung neuartiger Ansätze für lösungsorientiertes Querdenken und interdisziplinäres Handeln. Getreu dem Motto Kultur fördert Wirtschaft lancierten Mäusezahl und Dierks erste interdisziplinäre Kooperationen und engagieren sich durch proaktives Networking in der Region Kiel. So z.B. im Rahmen eines Pilotprojekts mit der Getreide AG Rendsburg, durch das veranschaulicht werden kann, wie Künstler und Kreativakteure mittels Einsatz künstlerischer Interventionen (KI) zusammen mit einem Unternehmen aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen ganz konkret begegnen.

Aus ersten Erfahrungen mit der Getreide AG ist das Seminar Kultur für die Wirtschaft neue Märkte für Künstler und Kreative entstanden. Ziel der Veranstaltung war es, auszuloten, welche Anwendungsmöglichkeiten künstlerischer Praxis und kreativer Methoden über das traditionelle Kultursponsoring hinaus für Wirtschaftsbetriebe möglicherweise noch existieren. Überdies ging es um die Identifikation neuer Märkte, indem die Teilnehmenden selbst neuartige künstlerische Angebote und Dienstleistungen für Unternehmen auf Basis der eigenen Erfahrungen entwicklen sollten und seitens der Seminarleiterinnen erfolgreiche Beispiele aus der Praxis vorgestellt wurden. Bei diesem Unterfangen ging man gemeinsam den folgenden Fragen nach: Auf welche Weise können kreative Kompetenzen, Perspektiven und künstlerische Arbeitsprozesse beispielsweise für Veränderungs- oder Personalentwicklungsprozesse in Unternehmern nutzbar gemacht werden? Wie lassen sich deren Besonderheiten analysieren und ein entsprechender Bedarf seitens der Wirtschaft ableiten?

Neben den Seminarleitenden und anderen Mitarbeitenden nahmen Kunst- bzw. Kulturschaffende, Vertreter der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, Ökonomie und des Kulturmanagements an der Veranstaltung teil. Der Freitag Abend galt einem ersten Brainstorming zum Thema. Ein wichtiger Punkt für alle Teilnehmenden war, vertiefte Einblicke in konkrete Praxisbeispiele zum Thema zu erhalten und den komplexen und eher sperrigen Begriff KI grundsätzlich zu klären. Am Samstag näherte man sich dem Thema durch Diskussionen und Gruppenarbeiten in Bezug auf die individuellen Assoziationen zu den beiden Gesellschaftsbereichen Kultur und Wirtschaft. Mit dem Begriff Kultur wurden u.a. Wortkombinationen wie Querdenken, Sinn stiften, Dinge erfahrbar machen, Kreativität, Balance, Vertrauen, Inspiration, Intuition oder Motivation in Verbindung gebracht, wohingegen der Begriff Wirtschaft mit Geld, Anerkennung, Leistung, Erfolg, zielgerichtetem Arbeiten, Kundenakquise, Vermarktung, Finanzierung und Gewinnoptimierung assoziiert wurde. Als Chancen von Kooperationen für die Kultur wurden u.a. genannt: Steigerung des Bekanntheitsgrades, neue Impulse, Dolmetscherfunktion, neue Einsatzgebiete für die eigene künstlerische Kompetenz, langfristige Existenzsicherung, Nachhaltigkeit, neue Impulse, Lebensfähigkeit, Honorar als Wertschätzung. Für die Wirtschaft wurden insbesondere Kooperation, Zufriedenheitssteigerung, neue Impulse, Wandel, neue Fragestellungen, kulturelle Bildung neuer Zielgruppen als Chancen gesehen, für die Region: Erhöhung der Lebensqualität, Attraktivität, Standortfaktor Innovation, Pioniergeist, the place to be, sexiness. Risiken von Kooperationen für die Kultur sahen die Teilnehmenden v.a. in Dumpingpreisen, Verlust des Künstler-Rufs, Entfremdung, Reduktion der Kunst auf neue Unternehmensberatung. Als Risiken auf Seiten der Wirtschaft wurden u.a. folgende genannt: Heilserwartung, Identifikation neuer Probleme, zu teuer, Machtlosigkeit, ergebnisoffen und daher nicht zu managen und kontrollieren.

Am späteren Vormittag erforschten die Teilnehmenden in Form eines Input-Museum-Marktplatzes die Thematik Künstlerische Interventionen durch praxisorientierte Übungen und lebhafte Gruppendiskussionen. Der Begriff wurde insbesondere von Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom WZB (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) geprägt, die unter dem Namen Künstlerische Interventionen in Organisationen ein eigenes Forschungsprojekt lanciert hat, welches durch qualitative Feldforschung die Bedingungen analysiert, unter denen künstlerische Interventionen in Organisationen Quellen von Neuheit darstellen können.

Auf der Grundlage eigener Untersuchungen entwickelte Berthoin Antal folgende weit gefasste Definition von KI: Es tragen künstlerische Praktiken dazu bei, organisationale Routinen und Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und neue Fähigkeiten zu entwickeln. Durch den Einsatz der Künste sollen auch ästhetische und emotionale Aspekte Ausdruck finden, die in der Arbeitswelt häufig vernachlässigt werden. Überdies sind KI ein win-win-Geschäft auf Augenhöhe, dabei aber nur eingeschränkt steuerbar und daher riskant. Sie stellen einerseits neue Märkte für Künstler sowie andererseits neue Möglichkeiten für Organisationen dar. Gemeinnützige Charity-Projekte, Sponsoring oder Corporate Collecting zählen hingegen nicht als KI, da hier Dialog, (Inter)Aktion und Partizipation zu kurz kommen. Die Bandbreite der Möglichkeiten bezüglich der Formate, Inhalte und Kunstformen ist gross. Je nach individueller Zielsetzung ist vieles denkbar, beispielsweise Prozessbegleitung, Coaching/Beratung, Artist-in-Residence, Workshops oder Perfomances mittels Musik, Literatur, Bildende Kunst u.v.m. Gemäss dem Limited Edition Report for Creative Clash Conference Participants (März 2013) wurden seitens Berthoin Antal und Dr. Anke Strauss die in Abb. 1 aufgelisteten Einsatzgebiete, Effekte und Mehrwerte von KI auf Organisationen herausgearbeitet.


Abb. 1: Auswirkungen von KI auf Organisationen

Nach einer Einführung in Prozess, Konzept und Arbeitsweise des KI-Projekts mit der Getreide AG Rendsburg ging es am Sonntag für die Teilnehmenden darum, anhand von 5 Praxisbeispielen unternehmerische Fragestellung, künstlerische Herangehensweise, Wirkung auf Künstler, Unternehmenden und Mitarbeitende sowie das Andere im Vergleich zur klassischen Kooperation bzw. Beratung zu analysieren. Im anschliessenden Werkstattprozess wendeten die Teilnehmer das neu gewonnene Theorie- und Praxiswissen an, indem erste KI-Angebote für die Zielgruppe Wirtschaft entwickelt wurden, welche eingeladenen Gästen aus der Wirtschaft in Form eines kurzen Elevator Pitch präsentiert wurden. Ein Fachvortrag zum Thema Akquise rundete den Seminartag mit einer abschliessenden gemeinsamen Reflexion ab.

Fazit: Alles in allem ein rundum gelungenes, spannendes und zukunftsweisendes Seminar an der dynamischen Schnittstelle Kultur und Wirtschaft, welches die doch sehr komplexe und pionierhaft-anmutende Thematik KI gnadenlos auf den Punkt gebracht hat.

Im September 2014 wird das Nordkolleg Rendsburg erneut ein Seminar zum Thema anbieten.

ist als Projektleiterin Forschung, Entwicklung und Dienstleistung am Zentrum für Kulturmanagement an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) tätig. Sie forscht und doziert u.a. in den Bereichen Cultural Entrepreneurship & Start-up Culture-Based Leadership & Creative Entrepreneurship sowie Selbstmanagement für Freelancer. Darüber hinaus engagiert sie sich als selbständige Kultur- und Kreativunternehmerin von INNOVANTIQUA Cultural Entrepreneurs als Vermittlerin an der Schnittstelle zwischen Kultur, Bildung und Wirtschaft. Daneben schreibt sie seit 2008 als freie Korrespondentin für das Kulturmanagement Schweiz und Deutschland.

Infos zu Künstlerischen Interventionen in Organisationen

Ausgewählte Praxisbeispiele

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