30.07.2021

Themenreihe Corona

Autor*in

Martin Lücke
Martin Lücke ist Professor für Musik- und Kulturmanagement an der Hochschule Macromedia in Berlin. Zudem veröffentlicht er regelmäßig Fachpublikation und texte mit Schwerpunkten im Bereich der akademischen Ausbildung und der Erforschung von (Populärer) Musik und Musikwirtschaft sowie neuen Formen der (Kultur-)Finanzierung.
Nein zur Leuchtturmflut, ja zur Breitenkultur!

Wir sollten die Zeit nicht verplempern!

Schon zum zweiten Mal fühlt sich ein Kultursommer anders an als sonst. Und es ist kein Wunder, dass die Kultur bzw. ihre zahlreichen Vertreter*innen drängen und in die Normalität steuern möchten. Aber ist das möglich? Ist das sinnvoll? Ist das überhaupt gewollt?

Themenreihe Corona

Hilfsmaßnahmen - aber nur für wenige 
 
In den letzten Monaten war in den Medien viel von Kultur zu hören. Vielleicht sogar mehr als sonst? Doch die meisten Meldungen handelten von den finanziellen Problemen von Kulturschaffenden, Kulturinstitutionen und Kulturunternehmen, die sich aus den Corona-Maßnahmen ergeben haben. Sehr schnell wurden auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene Hilfsmaßnahmen ins Leben gerufen, um die Auswirkungen finanziell einigermaßen zu mildern. Aber die Konjunkturpakete waren vor allem für Kulturinstitutionen und -unternehmen gedacht - und nicht für die so zahlreichen wie für die Vielfalt der Kultur so wichtigen Soloselbstständigen. Darüber muss man diskutieren. 
 
Erst ein kleiner Hoffnungsschimmer: Kultur kann ja digital! 
 
Innerhalb kürzester Zeit zeigte sich zudem, wer bzw. welche Institution sich bereits auf das Thema Digitalisierung eingelassen hatte. Konzerte und Theaterstücke waren im Netz frei abrufbar, wenn man denn welche vorab produziert hatte, und Superstars wie Igor Levit - ein Paradebeispiel für die Inszenierung in den sozialen Medien - spielte passend zum Beethoven-Jahr jeden Abend um 19 Uhr auf Twitter Beethoven. Kultur war also weiterhin seinem bereits vorhandenen Publikum präsent (und hat vielleicht auch neue Zuhörer*innen für die Nach-Corona-Ära gewonnen), nur eben anders vermittelt, digital, der soziale Austausch, das direkte Erleben aber fehlte natürlich. 
 
Eine Diskussion, die schon längst fällig war! 
 
Viele Themen lassen sich in diesem Kontext anreißen und vertiefen (eine Mammutaufgabe für die Zukunft): ob Kultur wirklich systemrelevant ist; ob die Mittel, die die öffentliche Hand zur Verfügung gestellt hat, wirklich ausreichend sind; ob diese wirklich richtig eingesetzt wurden und werden. 
 
Und hier sind wir bei dem Problem, dass nicht erst seit Corona existiert, aber in dieser Situation endlich auf Punkt 1 der Diskussionsliste gesetzt werden muss: die Verteilung der Gelder für Kultur auf den verschiedenen für die Kultur relevanten Ebenen. 
 
Wer bekommt was? Richten wir den Blick auf den kommunalen Bereich: Hier kommen große Teile der Mittel nur einigen wenigen Institutionen zu Gute. Qua vorhandener Kostenstruktur (aufgrund ihrer hohen Personalkosten und zum Teil langjährigen Existenz) sind dies vor allem Musiktheater, Orchester, Sprechtheater, Museen etc. Jede dieser Institutionen hat ihre Existenzberechtigung, in jeder dieser Institutionen sind teils hunderte Personen beschäftigt. Viele dieser Institutionen bieten Hochkarätiges, sind über die regionalen Grenzen hinaus bekannt und ziehen Kulturinteressierte von auswärts, gar aus aller Welt an. Und doch bleibt der Fakt: Geld, das einmal für eine dieser großen, teuren Leuchtturminstitutionen ausgegeben worden ist, kann kein zweites Mal ausgegeben werden. Kultur ist aber vielfältiger als es die Verteilung der kommunalen Kulturausgaben suggeriert. 
 
Nehmen wir dazu ein Beispiel: Die Stadt Bochum - Mitten im Ruhrgebiet zwischen Essen und Dortmund, ca. 380.000 Einwohner, vormals geprägt von Kohle, Stahl und Opel, in einer Region mit der wahrscheinlich höchsten institutionellen Kulturdichte in Deutschland - hat einen Kulturetat (Zuschussbedarf) von ca. 57 Mio. Euro, 5 Prozent des Gesamtetats. Davon erhalten acht Institutionen - das Schauspielhaus Bochum, die Bochumer Symphoniker, die Musikschule, die Stadtbücherei, das Stadtarchiv, die VHS, das Kunstmuseum Bochum und das Planetarium - ca. 50 Mio. Euro. Anders gesagt, für den "Rest" (freie Theater, Galerien, freie Musikgruppen, die ganz Rock-, Jazz- und Popszene, Clubs, Soziokultur etc.) bleibt nur ein Bruchteil übrig. In anderen Kommunen wird das Bild meist nicht anders sein. 
 
Wiederholung verstetigt hoffentlich: Kultur ist mehr als Hochkultur! 
 
Niemand will die Bedeutung von Theatern, Musikschulen, Bibliotheken, Volkshochschulen etc. in Abrede stellen, ganz im Gegenteil. Solche Institutionen sind im Sinne der kulturellen und der Bildungsteilhabe Aller besonders wichtig. Aber: Es gibt mehr als Hochkultur und dieses Mehr ist kein Restposten, sondern ein gewichtiger Teil des kulturellen Lebens: Freie Szene, soziokulturelle Szene, urban-kreative Szenen, Festivals, Kunstprojekte etc. Die Breitenkultur und ihr unheimlich vielfältiges Angebot, so ehrlich muss man sein, erreicht viel häufiger "alle" und vor allem die "Nicht-Kulturbürger*innen" als die institutionalisierte und subventionierte Hochkultur. 
 
Gehen wir zurück zu den Einschränkungen und Lockerungen der Noch-Corona-Ära, die hoffentlich irgendwann in eine Nach-Corona-Ära münden wird. Darf also alles so weitergehen wie bisher? Die großen, vor allem hochkulturellen Institutionen erhalten den Großteil der Mittel, die freie Szene den kläglichen Rest? Die freien Szenen, die freiberuflichen Künstler*innen, die Soloselbstständigen, von denen es im Kulturbereich bekanntlich viele gibt, mussten und müssen immer noch weitgehend ohne Einnahmen aus ihrer direkten Tätigkeit auskommen. Und noch drastischer: Wann es wieder einen Normalbetrieb für diese geben wird, steht noch in den Sternen. Wohingegen sich die Institutionen hoffnungsvoll in die Öffnung begeben. 
 
Und dann bleibt die Frage, was ein Theater in den kommenden Wochen und Monaten aufführen will, falls die Hygieneregeln zurückkommen und streng eingehalten werden? Und was will ein Orchester unter diesen Voraussetzungen spielen? Einfach weiter so? Nein! 
 
Es ist ganz einfach: Viel Zeit etwas zu ändern 
 
Solche Einschnitte wie jetzt böten die Möglichkeit, Neues zu probieren, wenn alle Beteiligten mitzögen. Warum sollte weiter in den beiden "Antipoden" - öffentlich geförderte Institutionen hier und freie Szene dort - gedacht werden? Warum nicht endlich ein echtes enges, kooperierendes und finanziell abgesichertes Miteinander zum Wohle der Kulturschaffenden und des Publikums im Gesamten? 
 
Bereits sehr früh in der Krise habe ich gefordert, die Saison 2021/2022 als Neustart in den Blick zu nehmen. Denn viel wichtiger und spannend ist das Dazwischen, das dadurch entstanden wäre: Ich stelle mir so etwas vor wie eine Kreativ-Saison, eine Experimentier-Saison, eine Saison, die frei von künstlerischen und politischen Zwängen ist, eine Zeit, in der Auslastungen etc. keine Rolle spielen. Es liegt so nahe, diese Zeit zu nutzen, um etwas grundlegend zu verändern: Warum nehmen sich die öffentlich geförderten Institutionen nicht noch mehr die Zeit, zu experimentieren und auszuprobieren? Und dies nicht allein, nicht im bereits bekannten Rahmen, mit bereits bekannten Personen, sondern mit der heimischen Szene, der gesamten kulturellen Szene, aller Sparten, aller Couleur, aller Professionalisierungsgrade! Das Geld dafür ist vorhanden, denn die Institutionen sparen, wenn keine auswärtigen Hochkaräter engagiert werden. Dieses Geld ließe sich besser in das kulturelle Miteinander investieren. 
 
Freiraum ohne jeden Zwang 
 
Wäre etwas damit gewonnen? Man weiß es nicht. Der Ausgang einer solchen Kreativ-Saison ist offen. Doch seien wir ehrlich, wir befinden uns in besonderen Zeiten, was ist da schon normal? Es war und ist eine Zeit für Umbrüche, die man selbst gestalten kann. Eine Chance: Es kann anders laufen, es entstehen neue Anknüpfungspunkte zwischen kulturellen Gruppen, die sich bislang nicht kannten oder gar abgelehnt haben. Das Miteinander soll und kann der Breitenkultur neuen Schwung verleihen, ihr ein breites, prominentes Podium geben, ihr Selbstbewusstsein stärken, ihre künstlerische Ansprache schärfen - und am Ende darf es einfach allen Spaß machen! Idealiter profitieren hiervon die bisherigen Institutionen, egal ob frei oder öffentlich, die Soloselbstständigen der Region und am Ende auch das Publikum, das sich auf etwas Besonderes, einmaliges freuen kann. Was will man mehr? Einmaligkeit in der Einmaligkeit der Pandemie. 
 
Zeit zum Träumen 
 
Wenn dieses Szenario vielleicht eine Utopie ist, so wäre das Fortbestehen dieser neu gelebten Gemeinsamkeit der Kultur als Ganzes wahrscheinlich noch utopischer. Aber Träumen ist erlaubt, auch in der Kultur, und manches Mal gehen Wünsche in Erfüllung. Dazu bedarf es Mut und Weitblick - Dinge, die Kulturschaffenden gerne zugesprochen werden. Doch Mut und Weitblick müssen (aus)gelebt werden, um auf fruchtbaren (Rezipienten)-Boden zu fallen. 
 
Corona wird vielleicht ein Wendepunkt, weg von wenigen, hochsubventionierten Leuchttürmen, hin zu einem Miteinander der gesamten kulturellen Szene, um gemeinsam - so verschieden alle sind - zu agieren und sich im Idealfall zu neuen, aber eben anderen künstlerischen Höhepunkten zu motivieren. 
 
Dieser Beitrag erschien zuerst im Kultur Management Network Magazin "Blick zurück nach vorn"

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