06.06.2019

Themenreihe Karriere

Autor*in

Birgit Apitzsch
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen. Sie promovierte am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und der Yale University über Projektarbeitsmärkte in Architektur und Filmwirtschaft. Aktuell forscht und lehrt sie zum Wandel von Arbeitsmärkten sowie zu transnationaler Arbeit in Europa.
Projektarbeitsmärkte in der Film- und Fernsehindustrie

Zwischen Traumberuf und ungewisser Zukunft

Durch die Mitarbeit in Projekten wird für Kreative nicht selten eine Tür in ihren Traumberuf geöffnet. Doch was passiert, wenn die Projektarbeit den gesamten Berufsweg bestimmt und die Freude über den geliebten Job Sorgen über unsichere Einkommenschancen oder ungenügende Absicherung im Alter weicht? Dies hat eine Studie zu Projektarbeitsmärkten in der Film- und Fernsehindustrie untersucht.
In vielen Bereichen der Kultur- und Kreativwirtschaft werden Arbeit und Beschäftigung besonders flexibel organisiert: Gearbeitet wird an oft innovativen und damit risikoreichen Vorhaben in enger, dafür befristeter Kooperation von Personen mit meist unterschiedlichen Qualifikationen. In dem Maße, in dem die Beschäftigung an die Dauer dieser Projekte gebunden ist, lässt sich von Projektarbeitsmärkten sprechen: Personal wird für ein bestimmtes Vorhaben befristet eingestellt oder (als Selbstständige) beauftragt. 
 
Für Menschen, die in Projekten arbeiten, sind neben inhaltlichen Aspekten die Fragen nach den Rahmenbedingungen und längerfristigen Beschäftigungsperspektiven drängender als für Beschäftigte in dauerhafteren Anstellungen: Wie lassen sich Anschlussaufträge oder -beschäftigungen erschließen? Wie verwertbar und sichtbar sind die im Projekt erworbenen Erfahrungen und die erbrachten Leistungen? Wie lassen sich Zeiten zwischen Projekten (auch finanziell) überbrücken? Wie lässt sich das Projektengagement, mit dem häufig längere Arbeitszeiten und räumliche Mobilität verbunden sind, mit anderen Verpflichtungen vereinbaren? 
 
Die Antworten auf diese Fragen variieren einerseits zwischen Ländern, insofern in Deutschland beispielsweise der Zugang zu sozialer Sicherung für verschiedene Beschäftigungsformen unterschiedlich geregelt ist. Sie variieren aber auch je nach Beruf und Branche - und den dort herrschenden institutionellen Rahmenbedingungen, wie der Existenz allgemeingültiger Qualifikationsstandards und einheitlicher, anerkannter Ausbildungen, die sowohl die Koordination der Projektarbeit als auch die Rekrutierung von Personal bzw. den Wechsel zwischen Projekten erleichtern. Nicht zuletzt beeinflussen Besonderheiten der Produktionsweise (wie arbeitsteilig ist der Produktionsprozess, wie festgelegt sind dabei die einzelnen Rollen und Arbeitsprozesse?) und branchenspezifische Modi der Zuschreibung von Projekterfolg oder einer künstlerischen Leistung (bspw. zu bestimmten Positionen oder Berufsgruppen im Projekt), welche langfristigen Folgen mit der Arbeit in Projektarbeitsmärkten für die Beschäftigten verbunden sind. 
 
Die Film- und Fernsehindustrie ist für die Untersuchung der Folgen von Projektarbeitsmärkten besonders interessant, da hier Selbstständigkeit und an Projektdauer gebundene Beschäftigungen stark an Bedeutung gewonnen hat. Dies lässt sich auf das starke Wachstum der Auslagerung der Produktion von Fernsehinhalten an überwiegend kleinbetriebliche private Produktionsfirmen zurückführen. Anders als beispielsweise in der Architektur oder der Bauwirtschaft gibt es jedoch keine formal standardisierten Ausbildungswege und Qualifikationsanforderungen. Vielmehr existiert eine Vielzahl an höchst unterschiedlichen Ausbildungsangeboten, die von kürzeren Lehrgängen über duale Ausbildungsgänge bis zu unterschiedlich stark spezialisierten Studiengängen reichen, und auch Seiteneinstiege ohne eine filmspezifische Qualifikation sind möglich (wenn auch zunehmend schwieriger). 
 
Wie funktionieren diese Projektarbeitsmärkte? 
 
In diesem Kontext spielen für den Zugang zu Projekten vor allem persönliche Beziehungen eine Rolle, besonders zu Personen, die in Projekten direkte Vorgesetzte sind (bspw. für AssistentInnen die jeweilige Abteilungsleitung bzw. Heads of Department oder für Kameraleute die RegisseurInnen, für RegisseurInnen die ProduzentInnen und RedakteurInnen usw.). Dies lässt sich zum einen darauf zurückführen, dass es kaum einheitliche Berufsausbildungen gibt, für die anhand eines Zertifikats auf die genauen Qualifikationen geschlossen werden kann. Die fachliche Eignung wird vielmehr direkt im Projekt bewiesen und durch die jeweils Vorgesetzten beurteilt, die dann für Folgeprojekte rekrutieren oder Empfehlungen aussprechen. Zum anderen spielen auch nicht-fachliche, sogenannte extra-funktionale Qualifikationen2 eine Rolle, wie Kommunikationsstärke, das nicht-störende Sich-Einfügen in Produktionsabläufe, Belastbarkeit bei langen Arbeitszeiten und hoher Arbeitsintensität, aber auch Humor und "passende Chemie" zwischen Teammitgliedern. 
 
Diese Eigenschaften spielen in vielen Zusammenhängen eine Rolle, sind jedoch in der Film- und Fernsehindustrie nicht zufällig besonders wichtig: Gerade die dortige intensive, in Bezug auf Projekterfolg unsichere, unter Kosten- und Zeitdruck stehende Zusammenarbeit erfordert eine reibungslose Kommunikation. Zudem werden, wenn über die Projektdauer hinweg eng und lange zusammengearbeitet und jenseits des eigentlich Wohnorts die Freizeit gemeinsam verbracht wird, an KollegInnen oft ähnliche Kriterien angelegt wie an FreundInnen oder Bekannte jenseits des Berufs. 
 
Diese Eigenschaften werden vornehmlich in persönlichen Netzwerken kommuniziert oder es wird direkt für Folgeprojekte rekrutiert: Wenn sich Teammitglieder nach diesen Kriterien finden, arbeiten sie oft auch in späteren Projekten zusammen, was wiederum die Unsicherheit über die Koordination der Zusammenarbeit und den Zugang zu Folgeprojekten reduziert. Je stabiler die projektübergreifende Zusammenarbeit ist, desto eher ist der eigene berufliche Erfolg jedoch auch von Aufstiegen oder Empfehlungen der Vorgesetzten abhängig. Auch ist die Zusammenarbeit selten völlig exklusiv - aufgrund unterschiedlicher Beschäftigungsdauern (üblicherweise sind Heads of Department länger in Projekte eingebunden als AssistentInnen) oder Anforderungen der Filmförderung kann es zudem zu Wechseln innerhalb der Teams kommen. 
 
Folgen der Arbeit in Projektarbeitsmärkten 
 
Welche Folgen hat die Arbeit in wenig regulierten Projektarbeitsmärkten langfristig? Auf Ebene des Arbeitsmarktes ist auffällig, das persönliche Beziehungen noch wichtiger für den Zugang sind als in anderen Branchen. Dies kann sich sogar innerhalb des Ausbildungssystems fortsetzen, wenn beispielsweise für den Einstieg in die Filmwirtschaft nicht nur der Abschluss und die Arbeitsprobe in Form eines Films immer wichtiger werden, sondern vor allem die geknüpften Kontakte3. Andererseits können Segregationen nach Geschlecht und sozialer Herkunft die Folge von überwiegend informeller Rekrutierung in Netzwerken sein. 
 
Für die Beschäftigten selbst lassen sich die Folgen der Arbeit in Projekten am besten aus langfristiger Perspektive betrachten: Die intensive Arbeit an einem kreativen Vorhaben mit "Gleichgesinnten" ist einerseits Traumberuf, doch längerfristig auch mit Belastungen verbunden, beispielsweise hinsichtlich der schwierigen Vereinbarkeit mit außerberuflichen Bindungen und familiären Verpflichtungen, hinsichtlich der Unsicherheit über zukünftige Arbeits- und Einkommenschancen angesichts der wenig planbaren informellen Rekrutierungswege und bezüglich der schwierigen Absicherung im Falle von Krankheit oder Alter. Über die beruflichen Anschlussmöglichkeiten in anderen Arbeitsbereichen für Personen, die trotz langjähriger Erfahrung und Qualifikationen in der Film- und Fernsehbranche aus Wahrnehmung von ExpertenInnen und Filmschaffenden zum Teil einfach "verschwinden", bedarf es weiterer Forschung, aber auch einer stärkeren Berücksichtigung in den Ausbildungseinrichtungen und bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen durch Unternehmen, Politik und Verbände.
 
Literatur
 
  • Apitzsch, B. (2010): Flexible Beschäftigung, neue Abhängigkeiten. Projektarbeitsmärkte und ihre Auswirkungen auf Lebensverläufe. Frankfurt am Main/New York: Campus. 
  • Apitzsch, B./ G. Piotti (2012): Institutions and Sectoral Logics in Creative Industries. The Media Cluster in Cologne. Environment and Planning, 44(4): 921-936. 
Dieser Beitrag erschien zuerst im Kultur Management Network Magazin "Projektkultur" 
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