16.10.2023

Themenreihe klimafreundlich

Autor*in

Claudia Emmert
ist promovierte Kunsthistorikerin und Direktorin das Zeppelin Museum Friedrichshafen. Sie hat am Leitfaden "Klimaschutz im Museum" des Deutschen Museumsbunds mitgearbeitet, ist Mitglied im Vorstand von ICOM Deutschland und im "Fachausschuss Bildung" des Deutschen Kulturrates. Zuvor war sie unter anderem leitend im Kunstpalais Erlangen und im Kulturamt Fellbach tätig und erfüllte Lehraufträge an mehreren Hochschulen.
Veränderung und Teilhabe am Zeppelin Museum Friedrichshafen

Nachhaltigkeit zwischen Pflicht und Kür

In Museen ist es wie in der Gesellschaft. Viele sind für mehr Nachhaltigkeit, doch wenn es um eigene, liebgewonnene Gewohnheiten geht, kann das Bestreben auch zu Frustration führen. Wie gut Kompromisse und kreative Lösungen funktionieren können, zeigt das Zeppelin Museum Friedrichshafen.

Themenreihe klimafreundlich

"Kein Fleisch bei der Betriebsfeier? Geht gar nicht!" "Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was ich essen soll." "Wenn es kein Fleisch gibt, komme ich nicht." Stimmen aus dem Team. Zwar wenige, aber durchaus laute, verärgerte. Transformation zu mehr Nachhaltigkeit ist manchmal gar nicht so einfach. Insbesondere bei den scheinbar einfachen Themen. Sogar in einem Museum.
 
Im Jahr 2022 wurde auf der Generalversammlung von ICOM International in Prag eine Museumsdefinition beschlossen, die Nachhaltigkeit neu als verpflichtende Aufgabe gleichwertig neben Bewahren, Erforschen, Interpretieren, Ausstellen und Vermitteln ins Zentrum der Museumsarbeit rückt. Damit haben sich vor allem die Museen in den Industrieländern ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, denn sie hinterlassen nach einer Erhebung von Julie’s Bicycle unter allen Kultureinrichtungen den mit Abstand größten CO2-Fußabdruck. 
 
Der Verabschiedung dieser überarbeiteten Museumsdefinition ging eine jahrelange und weltweit geführte Diskussion um jeden einzelnen neu eingebrachten Begriff voraus. Im ersten Entwurf von 2019 verbarg sich die Nachhaltigkeit noch hinter der allgemeinen Formulierung "Planetary Wellbeing". Doch der intensive Diskurs schuf ein starkes Bewusstsein für die Bedeutung von Nachhaltigkeit für die Museumsarbeit. Die finale Version macht nun deutlich, dass ab sofort kein Museum mehr auf die Umsetzung einer wirksamen Nachhaltigkeitsstrategie verzichten kann.
 
Von der Definition in die Praxis
 
Im Zeppelin Museum wurde schon aus wirtschaftlichen Gründen seit etlichen Jahren um einen möglichst sparsamen und effizienten Umgang mit Energie gerungen. Regelmäßig wurden Energie-Audits durchgeführt, Anlagen und Steuerungen optimiert, Prozesse verbessert, sodass der Energiebedarf Jahr für Jahr verringert werden konnte.
 
Die Reise zu einer wirklich systematischen, ganzheitlichen und umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie begann jedoch erst 2021 mit der Gründung einer internen Nachhaltigkeits-AG, für die sich jede*r Mitarbeiter*in freiwillig melden konnte. Am Ende waren alle Abteilungen mit mindestens einer Person vertreten. Doch die Arbeit der AG machte auch deutlich: Einzelmaßnahmen und einzelne Einsparideen mögen hilfreich sein, doch erst eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie würde die Ansprüche des Teams wirklich erfüllen. Und dafür, so das zweite Ergebnis der Arbeitsgruppe, brauchten wir mehr Know-how - und einen "Owner", jemanden, der*die für das Thema verantwortlich ist. So haben wir Frauke Stengel, Marketingreferentin im Zeppelin Museum, vom Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Berlin zur Nachhaltigkeitsbeauftragten ausbilden lassen. Ich selbst arbeitete am Leitfaden "Klimaschutz im Museum" des Deutschen Museumsbundes mit. Mit dem neuen Wissen, den neuen Kompetenzen und den neuen Kontakten haben wir die erste Klimabilanz des Museums für das Jahr 2019 erstellt.
 
 
Die Erfolge dieses Kompetenzgewinns haben wir gefeiert. So hat die Ausstellung "Into the deep. Minen der Zukunft", die sich nicht nur kritisch mit dem Abbau von Rohstoffen beschäftigte, sondern selbst nachhaltig geplant und umgesetzt wurde, eine Förderung durch den "Fonds Zero" der Kulturstiftung des Bundes erhalten sowie zwei regional bedeutende Auszeichnungen. Der Deutsche Bodenseetourismus wies das Zeppelin Museum als "echt nachhaltig" aus. Und der Verband der Tourismuswirtschaft Bodensee verlieh uns den Innovationspreis Bodensee23 im Bereich Nachhaltigkeit. Vor allem dieser Preis erwies sich als Glücksfall. Denn wir teilten ihn mit den Bodensee Schifffahrtsbetrieben, BSB, die für das E-Solarschiff "Insel Mainau" denselben Preis bekamen.
 
Transformation als Hürdenlauf
 
Um das nachhaltige Arbeiten einzuüben, entschieden wir, bereits während der Strategieentwicklung die ersten Maßnahmen umzusetzen. Doch schnell wurde selbst in diesem Prozess klar, dass die anstehende Transformation nicht nur auf Begeisterung stoßen würde. Kontroversen gab es häufig dann, wenn die Mitarbeiter*innen in ihren Gewohnheiten betroffen waren. Ein Beispiel: Es wurde diskutiert, ob es sinnvoll ist, die kostenlosen Mitarbeiter*innen-Parkplätze weiterhin anzubieten. Schließlich sollten die Autofahrer*innen keinen Vorteil gegenüber denjenigen Mitarbeiter*innen bekommen, die ökologisch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren. Das wiederum rief den Betriebsrat auf den Plan. Nach längeren Diskussionen fanden wir einen Kompromiss: Ein Parkplatz kostet nun 30 Euro brutto pro Monat. Das ist für alle bezahlbar.
 
In den Arbeitsräumen schafften wir die meisten Drucker ab, stellten den Bürobedarf um, kauften nur noch Biogetränke in Glasflaschen oder fair-trade Biokaffee. Als der Betreiber unseres Museumsrestaurants aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, haben wir einen bio-zertifizierten Gastronom gefunden, der ausschließlich mit regionalen Produkten kocht und eine "zero waste"-Strategie verfolgt. Der Museumsshop achtet bei seinem Angebot, vor allem bei neuen Eigenproduktionen, bereits seit 2017 auf Nachhaltigkeit. Seit 2021 gibt es im digitalen und analogen Museumsshop einen eigenen Bereich für nachhaltige Produkte. Für kürzere Dienstfahrten wurde ein Elektro-Lastenfahrrad angeschafft, sodass für kleinere Strecken, etwa zur Post oder zu unserem Außendepot, auf das Auto verzichtet werden kann.
 
Seit 2020 trieben uns die steigenden Energiekosten an, mit einer Beratungsfirma ein neues Energiekonzept zu finden. Doch das Flachdach unseres denkmalgeschützten Altbaus ist nicht dazu ausgelegt, eine konventionelle Solaranlage zu tragen. Andere Formen der Energiegewinnung, wie Fernwärme, Geothermie oder die Nutzung des Bodensees, konnten aus verschiedenen Gründen nicht umgesetzt werden. Wir befanden uns in einer Sackgasse. Plötzlich kamen wir über den Innovationspreis mit der BSB ins Gespräch, die das Dach der benachbarten Werft und weitere Bereiche des Hafens mit Solarpanelen bestücken wollte. Es öffnete sich eine neue Tür, da das Museum im Gegensatz zur Werft im Sommer aufgrund der Kühlung mehr Energie benötigt als im Winter. Seither treiben wir gemeinsam das Projekt "Solarhafen" voran. Die finanziellen Mittel erhalten wir von unserer Hauptgesellschafterin, der Stadt Friedrichshafen, und aus öffentlichen Töpfen. So bekamen wir beispielsweise für die Umstellung auf LED-Beleuchtung und die Umsetzung einer Photovoltaikanlage auf den modernen Anbauten des Museums eine Förderung aus dem Programm "Investitionen in national bedeutsame Kultureinrichtungen", kurz INK.
 
Ausstellungen neu denken
 
2022 folgte mit der Förderung der Ausstellung "Into the deep. Minen der Zukunft" durch den "Fonds Zero" der Kulturstiftung des Bundes der Durchbruch. Für diesen Antrag, der hohe Anforderungen an das Nachhaltigkeitskonzept der Bewerber*innen stellte, mussten wir alles neu denken: Ausstellung, Katalog, Vermittlung, Marketing. Das löste ein Feuerwerk an Ideen aus. Was stellen wir aus, wenn wir Transporte vermeiden möchten? Wir besannen uns auf unsere Sammlung und luden Künstler*innen ein, die teilweise wochenlang im Museum arbeiteten und neue Installationen vor Ort entwickelten. Wie sieht eine Ausstellungsarchitektur aus, die möglichst keinen Müll verursacht? Mit dem Markdorfer Innenarchitekturbüro Knoblauch gingen wir auf die Suche nach Materialien, die wir leihen und umnutzen konnten. Wir bauten Foren aus geliehenen Paletten, die aus recyceltem Kunststoff hergestellt waren, bauten Wände aus geliehenen Faltkisten, verkleideten Exponatkojen mit Regalböden aus Stahlblech, die wir anschließend ebenfalls wieder zurückgeben. Wir hängten Beschilderungen vor die Wand, um das umweltfreundliche Papier anschließend recyceln zu können, strichen die Wände mit nachhaltiger Farbe, beschrieben sie mit nachhaltiger Kreide und nutzten Dinge, die von anderen Ausstellungen übrig waren. Wir haben auf Google Docs ein schlichtes Dokument mit den Materialien eingestellt, die wir an andere Häuser verleihen können, und auf diese Weise fünf weitere Partner*innen in der Region gefunden, mit denen wir künftig Materialien tauschen. 
 
Auf eine Wand der Ausstellung zeichneten wir die Klimabilanz unseres Museums. Aus ihr geht hervor, dass die rund 240.000 Besucher*innen, die jährlich ins Museum kommen, einen erheblichen Anteil an unserem ökologischen Fußabdruck haben. Also musste ein Klimaticket her. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, bekommt 10 % Rabatt. Auch wenn das Ticket bereits rabattiert ist. An der Kasse wird die Anreise abgefragt - und so bei jede*r Besucher*in zum Thema gemacht. Wir überprüfen die Antworten übrigens nicht. Das Aussäen der Idee ist wichtig. Und die Resonanz ist groß. Auch intern. Hier haben wir uns ebenfalls eine Belohnung ausgedacht: Wer für den Weg zur Arbeit während der Laufzeit der Ausstellung auf das Auto verzichtet, kann beispielsweise einen Flug mit dem Zeppelin NT gewinnen. Die Kolleg*innen haben hierfür ein ausgeklügeltes System erarbeitet, das auch die Distanzen berücksichtigt.
 
Um mit einer möglichst breiten Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen, finden in den Foren der Ausstellung Veranstaltungen statt, die erstaunlich gut besucht sind. Das etwas andere Ambiente lockt mehr Interessierte an. In der wenig steifen Atmosphäre der Ausstellungsarchitektur kommen Diskussionen und Gespräche schneller in Gang. Eine große Wandfläche, auf die Besucher*innen Vorschläge zur Verringerung des Ressourcenverbrauchs schreiben können, wird so intensiv genutzt, dass wir diese Möglichkeit ebenso verstetigen möchten wie die Integration von Diskursorten in die Ausstellungen.
 
Ein weiteres Format im Rahmen der Ausstellung, um die Menschen ins Handeln zu bringen, ist das Reparaturcafé im Museum. Dort gibt es Werkzeuge für jeden Anlass. Ob Luftpumpe, Hammer, Nähmaschine, Lötkolben oder Nadel und Faden, alles wurde gespendet. An bestimmten Tagen stehen Menschen aus der Stadt bereit, um anderen zu helfen. So konnten an einem Tag Fahrräder mit professioneller Hilfe repariert werden, an anderen Tagen gibt es Anleitungen zum Flicken von Kleidungsstücken oder dem Instandsetzen von Elektrogeräten usw.
 
Das Nachhaltigkeitsthema prägt inzwischen auch das Programm unserer Außenstelle, das Schauhaus im Zeppelindorf. Kleine Häuser stehen hier auf 1.000 m² Grund, der früher der Selbstversorgung diente. Mit den Bewohner*innen werden verschiedene Nachhaltigkeitsveranstaltungen durchgeführt, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. Dort geht es um das Einkochen von Obst, das Herstellen von Saftpressen, um leckere Rezepte der Resteküche, um das Anlegen eines Nutzgartens etc. Inzwischen führt die Zeppelin Wohlfahrt dieses Konzept auf Neubauflächen fort, etwa den Dachflächen von Parkhäusern, die sie für nachhaltige Projekte zur Verfügung stellen.
 
Fazit
 
Unsere Aktivitäten zeigen Wirkung, und manche Idee pflanzt sich langsam fort. Dieser Erfolg macht Spaß. Wir sind uns inzwischen weitgehend einig, dass wir den eingeschlagenen Weg weitergehen möchten. Mit den Ausstellungen, den Veranstaltungen, dem Klimaticket. Der Aspekt der Nachhaltigkeit wird so immer mehr zur Normalität, prägt sich immer tiefer ein. Was Zumutung war, wurde zur Chance, das Museum, seine Ausstellungen und Programme neu zu denken, Mitbestimmungsorte einzurichten - und so das Museum zu dem zu machen, was es längst sein sollte: ein nachhaltiger partizipativer dritter Ort für die Gesellschaft. Ein Ort, an dem Zukunft neu gedacht und gestaltet werden kann.
 
Unsere Nachhaltigkeitsstrategie kann man auf unserer Website nachlesen. Im Jahr 2040 werden wir klimaneutral sein. Und der Streit um‘s Fleisch bei der Betriebsfeier? Es gab 75 Prozent vegetarische oder vegane Speisen und 25 Prozent mit Fleisch. Ein Kompromiss - mit dem jede*r leben konnte.
 

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