07.08.2010

Autor*in

Birgitta Borghoff
Birgitta Borghoff
Buchrezension

Freischaffen und Freelancen in der Schweiz: Handbuch für Medien, IT und Kunst/Kultur

Wer als Solo-Selbständiger, Freischaffender, Freelancer oder Alleindienstleister erfolgreich seinen Lebensunterhalt finanzieren will, ist mit einer Vielzahl von Herausforderungen, Fragen und Entscheidungen konfrontiert. Diese beantwortet das Buch "Freischaffen und Freelancen in der Schweiz".
 
Will ich wirklich 100% freischaffend tätig sein oder ist eine Teilselbständigkeit mit zusätzlichem Angestelltenstatus geeigneter für meinen Lebensstil? Für welche Rechtsform soll ich mich entscheiden Verein, GmbH oder Ich-AG? Wie bewege ich mich erfolgreich in Freelancernetzwerken, ohne meine persönliche USP im Markt zu verlieren? Wie gehe ich mit bestehenden und neuen Konkurrenten und Wettbewerbern in meiner Branche um? Wie ist es um meinen aktuellen Wissensstand zu Immaterialgüterrecht, Arbeits- und Sozialversicherungsrecht, Vorsorge und Gründungsförderung in der Schweiz bestellt?
 
Prof. Dr. Brigitte Liebig, Soziologin und Psychologin an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und Prof. Dr. Pietro Morandi, Wirtschaftshistoriker und Politikwissenschaftler an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) haben diesen Trend erkannt und unter dem Titel «Freischaffen und Freelancen in der Schweiz» ein Handbuch für Medien, IT und Kunst/ Kultur herausgegeben (erschienen: Juni 2010, vdf Hochschulverlag AG der ETH Zürich).
 
Die Publikation wendet sich in erster Linie an Freischaffende in der Medien-, IT- und Kreativbranche bzw. Fest- oder Teilzeitangestellte, die daran interessiert sind, sich demnächst in einem dieser Bereiche selbständig zu machen. Es empfiehlt sich darüber hinaus jedem Menschen, der darüber nachdenken möchte, wie man die Beziehung zwischen Leben und Arbeiten neu denken, fühlen und umsetzen kann.
 
Das Handbuch gliedert sich in sieben Teile. Der erste Teil (Auftakt) gibt einen Überblick über die Facts & Figures zum Freischaffen in Medien, IT, Kunst und Kultur in der Schweiz und wirft Schlaglichter auf wesentliche Transformationsprozesse in der Arbeitsgesellschaft. Unterschiede zwischen den neuen und den alten Selbständigen werden untersucht, das auslaufende Modell der Festanstellung reflektiert sowie Chancen und Risiken der neuen Selbständigkeit thematisiert. Im Teil Kompetenzen meldet sich eine selbständige Diplom-Informatikerin zu Wort, spricht über die Bedeutsamkeit von fachlichen und persönlichen Eigenschaften, Networking, Work-Life-Balance und Auszeiten sowie juristische und steuerliche Aspekte. Über die Besonderheiten von Freiberuflernetzwerken als Organisationsform erfährt man mehr in der Untersuchung von Dr. rer. nat. Monique Janneck, Juniorprofessorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Uni Hamburg. Prof. Dr. Philipp Gonon, Lehrstuhlinhaber für Berufsbildung an der Uni Zürich fokussiert den (Self-)Entrepreneur, der sich als permanenter Innovator, interkulturell versierte und mobile Persönlichkeit permanent selbst transformieren muss. Das eigenständige Aneignen individueller (Self-)Entrepreneurship-Kompetenzen und- Strategien sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung derselbigen sind wesentliche Erfolgskriterien dieses neuen Unternehmer-Typus. Teil drei des Handbuchs widmet sich dem Thema Erwerbsstrategien und zeigt anhand des Five Forces-Modell von Porter sowie eines Beispiels aus der Musikindustrie, wie man als Freelancer in der eigenen Branche überleben kann. Eine Freie Journalisten gibt Tipps & Tricks für angehende Freie Medienschaffende durch Offenbarung der eigenen Erfahrungen. Prof. Dr. iur. Mischa Charles Senn, Leiter Zentrum für Kulturrecht (ZKR) an der ZHdK fasst die wichtigsten Punkte zum Thema Immaterialgüterrecht anschaulich für Freelancer zusammen. Im vierten Teil schildern eine freie Journalistin, ein halb angestellter, halb freischaffend tätiger Informatiker sowie ein freier Regisseur ihre individuellen Erfahrungen auf dem Weg in die Selbständigkeit. Teil fünf des Handbuchs befasst sich mit den scheinbaren Gegensätzlichkeiten von Arbeit und Leben und den damit verbundenen täglichen Herausforderungen als Freelancer. Prof. Dr. Brigitte Liebig, das Künstlerpaar Monika Gaspar Mallol und Christoph Zellweger berichten über ein Leben zwischen Aufbruch und Moderne, Zeitmanagement sowie Potenziale und Auswirkungen einer postmodernen Familienwirtschaft. Die Psychologin, Gestalttherapeutin und Spezialistin für Burn-Out Catherine Vasey an der Uni Lausanne thematisiert die verschiedenen gesundheitlichen, psychologischen und sozialen Konsequenzen, die eine freiberufliche Tätigkeit mit sich bringen kann: Burn-Out, Umgang mit Stress und Überstimulation in auftragsreichen Phasen, mangelnde Anerkennung von aussen, etc. Teil sechs beleuchtet verschiedene Risikostrategien im Rahmen der selbständigen Tätigkeit. Dem Lesenden wird hier ein Einblick in die wichtigen Themen Arbeitsschutz und Sozialversicherungsrecht sowie Vorsorgemöglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler geboten. Darüber hinaus erhält man einen guten Kurzüberblick über die verschiedenen Versicherungsarten: Personenversicherungen, Betriebs- und Haftpflichtversicherungen, Sachversicherungen. Dr. phil. René Leicht, Leiter des Forschungsbereichs Selbständigkeit an der Uni Mannheim wirft abschliessend einen Blick auf Europa und beleuchtet Perspektiven der Gründungsförderung im Bereich von Soloselbständigkeit und Freelancing in wissensbasierten Ökonomien.
 
Die Intention der Herausgeber, die Neuen Selbständigen als Vorboten eines umfassenden Strukturwandels der Wirtschaft zu präsentieren, die den Arbeits- und Lebensstil der Zukunft vertreten und essentiell prägen werden, ist speziell zu würdigen. Ob es hierfür allerdings 18 einzelne Autorenbeiträge benötigt, scheint aus Sicht der Rezensentin fraglich.
 
Die Grobgliederung des Buchs in sieben Themenschwerpunkte dient des Lesenden als guter inhaltlicher Überblick. Andererseits könnte die chronologische Abfolge der Themen auf den einen oder anderen Lesenden unlogisch wirken, da sich theoretische Abhandlungen und praxisorientierte Erfahrungsberichte mit den eher anwenderfreundlichen Tipps in den Bereichen Immaterialgüter-, Arbeits- und Sozialversicherungsrecht oder Vorsorge und Versicherung mischen. Positiv hervorzuheben ist jedoch, dass das Inhaltsverzeichnis als solches die Inhalte der einzelnen Beiträge sehr gut reflektiert, was dem Lesenden eine gute Orientierung bietet.
 
Wer einen handfesten und aktuellen Praxis-Ratgeber mit Checklisten, Adressen und detaillierten Informationen zu Recht und Vorsorge in den verschiedenen Kultursparten erwartet (wie z.B. Buchholz, Goetz, Ratgeber Freie - Kunst und Medien: Bildende Kunst - Darstellende Kunst - Fernsehen - Film - Grafikdesign - Illustration - Journalismus - Kleinkunst - Lektorat - Literatur - Multimedia - Musik - Online-Medien - Rundfunk - Üebersetzung Webdesign, Berlin: Ver.di GmbH, 6. Auflage, 2002.), lässt lieber die Finger weg! Das Buch schimpft sich zwar als Handbuch, hält aber nicht, was der Name verspricht. Die Stärke der Publikation liegt hingegen eher darin, dass sie eine gute Einführung in die Thematik Freelancing im Allgemeinen gibt und hier im Besonderen auf den speziellen Kontext in der Kultur- und Kreativwirtschaft eingeht. Damit eignet sich das Buch als Ermutigung sehr gut für Menschen, die darüber nachdenken, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen, weniger hingegen für bereits selbständig Erwerbende. Der Versuch, die doch sehr komplexe Materie auf knapp 200 Seiten kompetent auszulegen, ist in diesem Sinne ansatzweise sehr gut gelungen.
 
Ergänzend zum Thema sei an dieser Stelle im Speziellen auf die sehr lobenswerte Publikation «Verbandsaktivitäten für Freischaffende und Freelancer/innen in der Schweiz». hingewiesen. Diese beinhaltet Portraits von Berufsverbänden und Gewerkschaften, welche die Interessen von Freischaffenden und Freelancern der Kreativ-, Medien- und IT-Wirtschaft vertreten.
 
Die Publikation wurde im Januar 2010 von Brigitte Liebig und Pietro Morandi (den Herausgebern des Handbuchs Freischaffen und Freelancen in der Schweiz) und Isabella Haller zusammengestellt, als Kooperation der Fachhochschule Nordwestschweiz (Hochschule für Angewandte Psychologie) mit der Zürcher Hochschule der Künste (Departement Kulturanalysen und Vermittlung).

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