15.12.2006

Autor*in

Zenaida des Aubris
ist Beraterin für internationale kulturelle Events und kann auf über 25 Jahre Erfahrungen in Management und Produktion klassischer Musik in Amerika, Europa und Asien zurückblicken.
Rückblick Shanghai Performing Arts Fair 2006

Gewinn, Gewinn, Gewinn

In Beijing gibt es das Beijing Music Festival, in Shanghai ist es das Arts Festival - beide finden jeweils jährlich im Oktober/November statt und rühmen sich mit der Teilnahme diverser ausländischer Musikgruppen. Dieser Artikel befasst sich jedoch mit der Shanghai Performing Arts Fair, eine Veranstaltermesse, die dem Festival orangeht, vergleichbar mit den entsprechenden Messen in Tokyo oder Seoul, wo Künstler, Agenten und Produzenten die Gelegenheit erhalten, ihre neuesten und besten Programme an potenzielle, in diesem Falle vornehmlich chinesische Veranstalter zu verkaufen.
Die 8. Shanghai Performing Arts Fair fand vom 20. bis 25. Oktober 2006 statt. Da es meine fünfte Teilnahme an dieser Messe war, kann ich mit ziemlicher Gewissheit sagen, dass es der Messe an Dynamik fehlte, was sicherlich auch daran lag, dass so wenig Besucher kamen. Einer der ausländischen Teilnehmer ging sogar so weit zu sagen, dass das Organisationskomitee doch sehr unter Druck von der Stadt als Ausrichter stehen muss, um den Fortbestand der Messe zu gewährleisten. Es entstand der Eindruck, dass das ausländische Kontingent an Teilnehmern - mehr als in den vergangenen Jahren - als Zuckerguss für die chinesischen Aktivitäten diente. Die Lokalpresse schreibt allerdings etwas ganz anderes über 200 Absichtserklärungen seien mit zukünftigen Produzenten und Künstlern für das nächste Festival unterschrieben worden. Offensichtlich wurden viele dieser Abschlüsse außerhalb der Messe abgeschlossen, da es sicherlich keine 200 Teilnehmer gab.
 
In der Vergangenheit waren die großen und wichtigen Agenturen aus Beijing mit einem Stand vertreten. In diesem Jahr war keine einzige anwesend. Es hatte den Anschein einer nur auf Shanghai beschränkten Veranstaltung. Vielleicht eine Änderung in den Teilnahmeregeln? Bei den ausländischen Teilnehmer blieb zudem der Eindruck einer schwachen Organisation. Umso mehr geben diese Messen aber Gelegenheit, sich auszutauschen, da es nach wie vor sehr wenige chinesische Veranstalter gibt, die gewillt sind (oder das Risiko übernehmen können), ausländische Shows nach China zu bringen. Die meisten der Tourneen mit ausländischen Künstlern werden nach wie vor von staatlichen Agenturen durchgeführt, obwohl es seit etwa zehn Jahren einige wenige private Agenturen gibt. Alle Agenturen müssen aber noch Erlaubnis beim zentralen Kulturministerium beantragen, um ausländische Künstler zu präsentieren, handle es sich um einen einzelnen Pianisten oder ein großes Sinfonieorchester. Trotzdem war es interessant, von einigen führenden Persönlichkeiten aus dem kulturellem Sektor von Shanghai zu hören:
 
Der Geschäftsführer des Shanghai Grand Theater Arts Center, Herr Fang Shizhong, sprach über den heranreifenden Markt für Besucher von Musicals in Shanghai: Seine Gruppe was für die Produktion von Lion King (Der König der Löwen) zuständig, die mit 101 Vorstellungen und 98% Auslastung alle bisherigen Rekorde brach. Zum Vergleich: Das erste Musical in 2002 war Les miserables mit 21 Vorstellungen; danach Cats in 2003 mit 53 Vorstellungen; Sound of Music in 2004 mit 73 Vorstellungen und Phantom of the Opera in 2005 mit 97 Vorstellungen. Mamma Mia soll in 2007 stattfinden. Man kann davon ausgehen, dass es mindestens für 102 Vorstellungen laufen wird! Es scheint, dass es für diese Musicals auch ein tatsächlich Karten kaufendes Publikum gibt.
 
Das mag sich für den ausländischen Leser seltsam anhören, aber in China werden die meisten Karten von Firmen aufgekauft und den Mitarbeitern zur Verfügung gestellt. So ist es durchaus möglich, dass ein Besucher regelrecht mit zum Verkauf angebotenen Karten für eine angeblich ausverkaufte Vorstellung bombardiert wird und er, falls er geschickt handelt, ein Bruchteil des effektiven Kartenpreises zahlt. Und dann die Vorstellung halb leer vorfindet!
 
Herr Fang sprach eindringlich über Unterhaltungsindustrie, über gewinnbringende kulturelle Veranstaltungen, über das Joint Venture mit Cameron Macintosh, über Gewinn, Gewinn, Gewinn. Als Beispiel wurde Lion King angeführt, eine Produktion, die ohne Investitionen, nur Gewinn abwarf. Und das lief so: Es wurde ein Darlehen von 40 Millionen RMB (ca. 4 Millionen Euro) aufgenommen, die Show spielte ein Umsatz von 60 Millionen RMB (ca. 6 Millionen Euro) ein, ergo war der Gewinn 20 Millionen RMB (2 Millionen Euro). In seinen Worten Wir haben wichtige Erfahrungen mit Lion King gemacht, die dahin deuten, dass es möglich ist, das Musical als Produkt des industrialisierten Zeitalter für ein erfolgreiches Geschäftsmodell der Unterhaltungsindustrie einzusetzen. Die Ambitionen von Herrn Fang gehen sogar so weit, dass er sagte, er möchte Shanghai als Musicaltheater-Hauptstadt Asiens sehen. Er gehe davon aus, dass in Kürze alle Elemente vor Ort hergestellt werden können: Bühnenbilder, Kostüme, Ton, Licht, Künstler und die Konzepte selbst.
 
Ein Theater ausschließlich für Musicals wird gerade auf dem Gelände der Musikhochschule in Shanghai gebaut. Obwohl die Baustelle zur Zeit (mit eigenen Augen gesehen) nur aus tiefen Gräben und vielen Kränen besteht, soll dieses Theater schon im Oktober 2007 (!!) bespielt werden. Wie man in China so schön sagt: Alles ist in China möglich. Nichts ist einfach...
 
Herr Hu Jinjun, Präsident der Shanghai Wenhui-Xinmin United Press Group, sprach über Erwartungen an eine glorreiche Zukunft gemeinsam den Traum der kulturellen Entwicklung für die Shanghai World Expo 2010 zu verwirklichen. Es ist selbstverständlich, dass Shanghai die größte, beste, spektakulärste Expo liefern wird, die jemals stattgefunden hat. Immerhin soll die Stadtregierung enorme Gelder und Anstrengungen aufbringen, um riesige Areale in der Stadt aufzuwerten. Insbesondere sollen auf den 3.28 km² der Messefläche während der 180 Tage der Messe, über 20.000 Aktivitäten stattfinden, 70 Millionen Besucher, mit einem Durchschnitt von 390.000 Besucher pro Tag. Ziel der Weltausstellung soll sein, dass der Besucher an den Veranstaltungen interaktiv teilnimmt, im Gegensatz zum eher passiven Besucher der Olympischen Spiele in Peking. Dementsprechend soll besonderer Wert auf kreative Unterhaltung und High Tech gelegt werden.
 
Die kulturellen Aktivitäten sollen auf einem Gelände von 41 ha stattfinden, worauf es 27 Freiluftflächen und 14 überdachte Areale geben werden soll. Hinzu kommt ein Unterhaltungszentrum mit einer Kapazität von 3500 Besuchern, das am Ende der Expo in ein internationales Kulturzentrum umgewandelt werden soll. Geplant sind zudem zwei überdachte Austragungsorte für je 3000 Besucher sowie diverse Open-Airbühnen; erhöhte Gehsteige verbinden die verschiedenen Areale. Zusätzlich soll es mehrere spezielle Areale geben wie z. B. drei Schiffswerften an dem Huangpo Fluss.
 
Jedes Jahr präsentiert die Shanghai Messe eine andere chinesische Provinz oder autonome Region (sicherlich auf Anraten der Regierung). Dieses Jahr was es die Innere Mongolei. Die Gruppe von 12 Musikern und einer Sängerin der Inner Mongolia Nationality Music & Dance, Opera Troupe of China (die eigentlich über 800 Künstler zählt) beeindruckte, wie sie auf ihren Originalinstrumenten spielte: mongolische rechteckige Geigen und Celli, ein mandolinenähnliches Instrument, mehrere interessante Flötentypen sowie Schlagzeug. Ihre Musik wurde von den ausländischen Messeteilnehmern als echt wahrgenommen - voller ursprünglichen Leidenschaft und noch in Kontakt mit ihren Wurzeln, Musikalität und doch im Dialog mit dem Publikum. Jeder Musiker konnte mehrere Instrumente spielen, und einige der Männer sangen, oder richtiger, sie benutzten ihre Stimme als Instrument in der einzigartigen mongolischen Obertonart. Die Kurzvorstellungen dieser Gruppe wurden sehr von den ausländischen Zuhörern goutiert, vielleicht auch wegen der noch nicht kommerziellen Art der Darbietung. Selbstverständlich gab es auch die obligatorische Tanzgruppe mit spektakulär bunten Kostümen, aber es war die kleine Gruppe der Musiker, die am meisten beeindruckte.
 
Für weitere Informationen über die Aktivitäten in diesem Jahr besuchen Sie die Websites des China Shanghai International Arts Festival und des Beijing Music Festival. Die Texte sind jeweils in Englisch angeboten. Informationen zu den Festivals 2007 sucht man allerdings vergeblich diese Information kommt üblicherweise erst im Frühling.
 
ZENAIDA DES AUBRIS ist seit 2005 Korrespondentin von Kulturmanagement Network und Beraterin für internationale Kulturevents. Geboren in Argentinien, kann sie auf über 25 Jahre Erfahrungen in Management und Produktion klassischer Musik in Amerika, Europa und Asien zurückblicken. Sie war u.a. als General Project Manager für die Produktion von "Turandot" in der Verbotenen Stadt sowie 2002-2004 als Intendantin für den Aufbau des Hangzhou Grand Theatre in China verantwortlich.
Kommentare (0)
Zu diesem Beitrag sind noch keine Kommentare vorhanden.